Harald Gangl

Über den Künstler

Ausschnitt vom Katalogtext von Mag. Sonja Traar

 

Über Harald Gangl

Harald Gangl reduziert in dem Maße, in dem die Fülle seiner Bildsprache zunimmt – je mehr er sich abverlangt, je tiefer er in die Farbtöne eintritt, um so reicher ist das Ergebnis – reich an gedanklicher Fülle, aber auch reich an ertastbarem und fühlbarem Material. Wenn wir uns nun nach langer Zeit von dem Bild abgewandt haben, bleibt mehr ein Geschmack und ein Klang in uns zurück, als eine bildliche Vorstellung. Wir haben, ohne es zu merken, mit dem Bild gesprochen, es hat uns in eine wortreiche Unterredung verwickelt, einmal ganz laut, dann wieder ganz leise. Und wir haben, ohne es erkannt zu haben, einen Ausschnitt der Welt gesehen: Wir haben unterschieden zwischen Himmel und Erde, haben einen Schneesturm gesehen die Oberfläche einer Lacke oder die weite Landschaft Afrikas, das Flimmern über der Wüste oder den Sprühregen eines Wasserfalls im fernöstlichen China. Auf jeden Fall ist es eine ganze Menge, auf jeden Fall viel zu viel, um es mit dem losen Wort „Abstraktion“ abzutun – und wenn wir nur sagen können, es ist „schön“, so sei uns das zugestanden, denn um die ganze Fülle der Erlebniswelt auszudrücken, die wir durchlebt haben, fehlen uns die Worte.

 

TEXTE • PRESSESTIMMEN

Mag. Carl Aigner , 2013 DE

Mag. Sonja Traar DE

 

Mag. Carl Aigner, ATMOSPHÄREN, 2019

Zum Amalgam von Licht und Farbe im Werk von Harald Gangl

 

Wäre nicht das Auge sonnenhaft,

die Sonne könnte es nie erblicken…

Goethe

 

Sind es Unterwasseraufnahmen? Diffuse Wolkenformationen? Oder Schneegestöber? Farbeffekte von Mikrophotographien? Reste einer Farbpalette? Feuerspuren? Bloße Lichtreflexe? Kosmische Geschehnisse? Extreme Vergrößerungen winziger Objekte? Mit dem Aufkommen einer sogenannten „gegenstandslosen“ Malerei, ob „peinture informel“, Tachismus oder „Gestische“ Malerei, wird nicht nur das Bild vom Gegenständlichen befreit, sondern ebenso der Blick auf das Werk selbst, der sich jenseits von Gegenständlichem konstituieren kann. Losgelöst von Figurativem, wird das Bild zu einer Membran von Intrinsischem und Extrinsischem. Die literarische Moderne prägte dafür den Begriff „stream of consciousness“: innere Bewusstseinsströme bzw. innerer Monologe, die für den Leser erst durch Verbalisierungsströme sichtbar und rezipierbar werden (James Joyce Roman „Ulysses“ ist ein paradigmatisches Beispiel).

 

Die informelle Malerei arbeitet mit derselben Verfahrensweise. Analog dazu können wir also die Malweise von Harald Gangl als „inneren Monolog“ skizzieren, wobei anstelle von Schrift Farbmaterialien fungieren, mit denen er „spricht“, beziehungsweise „schreibt“. Seine informelle Malerei – die nur partiell einen klassischen gestischen Charakter aufweist – ist ein komplexer, prozessualer Vorgang. Die selbstbespannte Molino-Leinwand (sie muss sehr stark gespannt sein, um sein Malprozedere realisieren zu können) wird vorgeleimt und mit Malweiss (Kreidegrund) grundiert, aber auch Fabriani-Papier ist ein wichtiges Trägermaterial. Damit ist die Basis für die darauf entstehenden Farbarchitekturen geschaffen. Malschichten werden mittels Pinsel, Händen, Spachtel oder Walze in einem intuitiven Prozess aufgetragen und immer wieder abgeschabt, abgekratzt und neu aufgesetzt.

 

 Die so entstehenden Malspuren ermöglichen äußerst fein nuancierte Farbelemente und Farbübergänge, die ineinanderfließen und jede Konturierung verweigern. So wie im „inneren Monolog“ die Wörter ineinanderfließen (und oft keine Satzbauten aufweisen), gehen bei Harald Gangl die Farbvaleurs ineinander über und bilden die für ihn typischen Farbtexturen. Ihm geht es nicht um eine konzeptuelle, sondern um eine atmosphärische Bildgewinnung. Seine dabei entstehende „Rhetorik“ der Farben bewirkt eine lebendige Bildfläche und gleichzeitig auch durch die minutiöse Schichtenarchitektur seiner spontan-filigranen Malweisen einen äußerst inspirierenden Bildraum. In den rezenten Arbeiten finden sich noch feinere Lasur-Schichten, fragil wirkende Farbelemente, die das Bild-Räumliche weiter akzentuieren.

 

Die sich im Sinne des Figurativen einer Gegenständlichkeit verweigernden Malerei verfügt über wenige Instrumentarien einer Bildgestaltung. Farbe, quasi-organische Formen sowie Licht sind die Basisingredienzien, aus denen sich der Bildkosmos generieren kann. Augenblicksempfindungen sind dabei gewissermaßen der Treibstoff des Malens. Die daraus resultierenden „Bild-Stimmungen“ evozieren unendliche Innerwelten. Bei Harald Gangl sind es Lichtwelten, die sich aus den Farbräumen entpuppen, wie überhaupt die Gewinnung von Bildlicht den Grundton seiner Malerei bildet. Es ist die dabei entstehende Bildtransparenz, die einen dematerialisierenden Farbeffekt bewirkt. Licht als Ursprung allen Lebens erfährt in den Arbeiten des Künstlers beinahe eine „gotische“ Dimension: das Materiale transzendierend, mutieren die Farben selbst zu Lichtwelten, zu unendlichen spirituellen Weiten, zu einem grenzenlosen Wahrnehmungskosmos.

 

Die Amalgamierung von Licht und Farbe formt die subtilen Maltexturen der Werke; sind, metaphorisch gesprochen, ihre Klangsphären und erfordern vom Betrachter eine Einstimmung des Blicks, sozusagen ein Hören der Farben, um ihre Klangvaleurs wahrnehmen zu können. Die Freisetzung des Blicks von Figurativem ermöglicht seinen „inneren“ Blick und  wird dadurch auf sein je eigenes Sehen verwiesen: Was sehen ich, wenn ich scheinbar nichts sehe? Das Sehen als immaterieller Vorgang einer Weltwahrnehmung findet erst im „gegenstandslosen“ Bild seine genuine Sichtbarkeit. Die Trennung von Blick und Auge als zwei Sphären des Sehens, wie sie etwa Jacque Lacan skizziert hat, impliziert eine spezielle Subjektkonstituierung qua Wahrnehmung. Es ist kein Zufall, dass die Wahrnehmung von retinal nicht Sichtbarem mit den Erkenntnissen des Unbewussten von Freud, diese mit der Erfindung der Röntgenphotographie, der Relativitätstheorie von Einstein und dem Entstehen „abstrakter“ Kunstformen zeitlich korreliert. Das Jahrhundertcredo von Paul Klee – „Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar“ – öffnet das Bild für eine neue Form der Imagination jenseits einer ikonischen Welterfahrung. Es geht um nichts geringeres als um eine neue Ästhetik, evoziert durch die Loslösung der Farbe von ihrem Gegenstand, also durch ihre Autonomisierung im künstlerischen Bildprozess. Das Licht wird dabei zu einem neuen Bild-Gen: Nicht mehr von außerhalb kommend, ist es nun ein „intrinsisches“ Bildphänomen.

 

Auch die neuen Arbeiten von Harald Gangl „erzählen“ uns von diesem Bildparadigma: Dass das Sehen mehr ist als ein ikonisches oder psychologisierendes Wahrnehmen der retinalen Welt. „Selbstseher“ betitelt Egon Schiele ein Werk – und geht es nicht auch darum, sich selbst sehen zu sehen? Die Absenz einer Außenwelt darf nicht als deren Verweigerung gesehen werden, sondern als deren „informelle“ Erweiterung beziehungsweise als Extensivierung des Lebens und als Weg aus dem ikonographischen Dschungel ins Freie der Bilderwelten.

 


Mag. Carl Aigner, ATMOSPHERES, 2019

On the amalgam of light and colour in the work of Harald Gangl

 

Were the eye not of the nature of the sun,

the sun could never be seen by it …

Goethe

 

Are they underwater photos? Diffuse cloud formations? Or snow flurries? Colour effects or miniature photographs? Paint palette residues? Traces of fire? Mere light reflections? Cosmic events? Extreme blow-ups of miniscule objects? The emergence of “abstract” painting, be it Informalism, Tachism or action painting, not only liberated pictures from any representational function but also made it possible to regard works from a non‑representational point of view. With the figurative element removed, the picture becomes an intrinsic and extrinsic membrane. Modern literature coined the term “stream of consciousness”, an internal monologue that only becomes visible and meaningful to the reader through the verbal streams. James Joyce’s novel Ulysses is a classic example.

 

Informal painting uses the same procedure. We can describe Harald Gangl’s painting style as an “internal monologue”, in which he uses paint rather than words to “speak” or “write”. His informal painting – which is only partially in the form of classical gestural art – is a complex and gradual process. The self-spanned Molino canvas, which has to be stretched very tightly for his painting process, is pre-coated and primed with white chalk, but Fabriani paper is also an important backing material, providing the basis for the paint and colour to be built up on it. Layers of paint are applied intuitively with brush, hands or palette knife, then repeatedly scraped or scratched off and reapplied.

 

The traces of paint create finely nuanced elements of colour and transitions that merge shapelessly with one another. Just as the words flow together in an “internal monologue” – often without a discernible syntax – Gangl’s colours merge with one another to form characteristic colour textures. He endeavours to create not a conceptual but an atmospheric picture. His “rhetoric” of colours forms a vibrant surface image, and the meticulous layered architecture of his spontaneous filigree method of painting also produces an extremely inspiring pictorial space. Recent works contain even finer glazed layers, fragile-seeming colour elements that further accentuate the spatial effect.

 

Abstract and non-figurative painting offers few instruments for pictorial representation. Colour, quasi-organic shapes and light are the basic ingredients out of which the pictorial cosmos is created. Momentary sensations are the driving force behind the painting. The resultant “pictorial moods” evoke endless interior worlds. In Gangl’s work, worlds of light emerge from the painted surfaces; in fact it is the creation of light from colour that gives his paintings their basic tone. The transparency of the pictures produces a dematerialising colour effect. In the artist’s work, light as the origin of all life takes on a “Gothic” dimension, transcending the material, mutating the colours themselves into light worlds, endless spiritual expanses, an infinite sensory cosmos.

 

The amalgamation of light and colour gives form to the subtle paint textures of the works – their sound spheres, metaphorically speaking – and requires viewers to adapt their way of seeing, to listen to the colours, so to speak, so as to be able to appreciate the sounds. The liberation of seeing from a figurative perception opens up an “inner” vision that is reliant on its own devices: what do I see, when there is seemingly nothing to see? Seeing as an immaterial way of perceiving the world only reveals itself really in a non-figurative or “abstract” picture. The distinction between vision and the eye as two spheres of seeing, as Jacques Lacan describes, demands a special subject constitution as perception. It is no coincidence that the perception of objects not visible to the retina correlates with Freud’s concept of the unconscious, which coincided with the invention of X rays, the theory of relativity and the emergence of “abstract” art forms. Paul Klee’s dictum “art does not reproduce the visible; it makes visible” opens up the way to a new form of imagination beyond an iconic experience of the world. It is no less than a new aesthetic, evoked by the separation of colour from its object, through autonomy in the artistic image-forming process. Light becomes a new pictorial gene: no longer coming from outside but “intrinsic” to the pictorial phenomenon.

 

Harald Gangl’s latest works “relate” this pictorial paradigm to us: that seeing is more than an iconic or psychologising perception of the retinal world. Self-Seer is the title of a work by Egon Schiele – and is it not also about seeing yourself seeing? The absence of an outside world should not be taken as a rejection but as an “informal” extension and expansion of life and a way out of the iconographic jungle into the freedom of pictorial worlds.

 

 

siehe dazu auch: www.haraldgangl.com

 

 

Ansicht Art.Fair Köln 2012 © Boris Breuer

 

 

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