Wien 01.04.2020 - 30.05.2020

 

D i e  W e l t  i s t  a l l e s  w a s  d e r  F a l l  i s t

N e u e  B i l d e r

 

„Die Welt ist alles, was der Fall ist“, dieser markante Satz des Ludwig Wittgenstein zu Beginn seines Tractatus logico-philosophicus gilt auch für die Bilderwelt und rückt die unendliche Fülle von Möglichkeiten in den Focus: Noch sind längst nicht alle „Fälle“ durchexerziert, nicht durchdekliniert, nicht durchkonjugiert, noch sind längst nicht alle Bilder gemalt:

Wie das Cyan-Blau mit dem Kobaltstich und einem Hauch von Ultramarin lang fadenziehend, dünn, schlüpfrig auf das pointierte Cadmium-Dunkel trifft und einen weit ausholenden Schweif bildet, eigentlich Schweife, Schweifbündel, schweifende Schwünge mit schaukelnder Gestik, die zu einem etwas müden Grau führen, sich ausbreiten, verblassen, verhallen, Nebel bilden, verdunsten und mit dem Papiergrund verschmelzen, bis dann – scharf geschnitten – Buchstabenattrappen daherstelzen, ein C, ein Cis, ein V, ein Fis, unerklärlich, rätselhaft aber melodisch-rhythmisch, treppend-rhythmisch, taktend-rhythmisch, pulsierend wie ein Wortgedicht – und frech sitzt dazwischen – mit einem Lächeln – das Indischgelb.

Das nächste Blau ist kürzer, schräger, greller, grüner, wie im Vorbeigehen vom Pinsel mit einem lässigen Schlenzer auf’s Papier geknallt … und wieder legt sich ein Blau darüber, stumpfer, schwerer, plumper, dumpfer, matter, satter, schlapper… Und dies ist nur der „Fall“ vom linken unteren Eck, vielleicht zwanzig lang und dreißig hoch. Und die anderen tausend „Fälle“? Sie sind noch nicht beschrieben, weil‘s die Worte nicht zu Papier bringen können, sie haben sich aber längst auf der Leinwand festgekrallt und verführen den Schauer in assoziative Momente: Er meint etwas Neues gesehen zu haben und bleibt stehen.

Warum also sollte ein Maler jetzt schon in die Neuen Medien flüchten, wenn noch längst nicht alle „Fälle“ gemalt sind? Die malerische Arbeit ist noch lange nicht getan, viele Fälle warten noch. Ab 23. April sind von Wolfgang Stifter 14 neue Fälle in der Galerie Frey, Wien zu sehen.

Und die Titel legen sich wie kunstvoll geknüpfte Schleifen um‘s Werk und machen es spannend.

 

                                                           Wolfgang Stifter, April 2020