Salzburg 14.03.2018 - 19.05.2018

DREAMERS – Text zur Ausstellung BERNARD AMMERER von Daniela Hölzl


Gibt es einen Ort, an dem die Bilder entstehen? 

Oder besser: gibt es einen Ort, an dem die Bilder des Bernard Ammerer entstehen?

Denkt er sie sich aus, erfindet er sie oder findet er sie und lässt sie zu?

Und wo genau bilden sie sich?

Offensichtlich sind die Arbeiten des Künstlers der Realität, der Abbildung von etwas Realem verpflichtet und offensichtlich gibt es etwas, das diesen ersten Eindruck nachhaltig irritiert. 

Die aktuelle Ausstellung in der Galerie Frey in Salzburg umfasst zwei große Themenkreise, verschiedene Arbeiten schließen an frühere Motive des Künstlers an. Es handelt sich um Malerei, die man gemeinhin "figurativ" nennt. Bernard Ammerer malt "klassisch", Öl auf Leinwand, man findet kleinere sowie eine Reihe von mittelgroßen Formaten. Diese Bilder scheinen sich durch ihre Formate aufeinander zu beziehen, sie wirken wie der Ausdruck eines übergeordneten Anliegens.

Der Betrachter, die Betrachterin sieht sich mit verschieden Personen oder Figuren konfrontiert, die alle in leeren oder nur angedeuteten Räumen dargestellt sind. Voller Energie und Übermut könnte der erste, oberflächliche Eindruck von diesen salto-springenden Figuren sein. Doch die im Sprung oder im freien Fall befindlichen Körper schweben über einem vagen, schachbrettartigen Muster. Eine Joggerin, fast lebensgroß und mit ebenmäßigen Gesichtszügen, hält direkt auf den Betrachter zu. Der Raum, in dem sie läuft hat sich jedoch in einige perspektivische Linien aufgelöst, gerade so wie sich die Landschaft unterhalb des, "freigestellt" und ins Bild hineinmontierten, Mannes in nachdenklicher Pose auf eine zeichnerisch-andeutende Abstraktion reduziert hat.

Die irritierende Wirkung dieser und ähnlicher Arbeiten des Künstlers beruht auf der Beziehung zwischen Figur und Hintergrund. Die Figur/Grund Relation als eines der wesentlichsten Mittel um eine zweidimensionale Fläche in ein Bild/Imago zu transformieren, ist hier als solche thematisiert und damit in die Erzählung "aufgehoben". Die Narration, der offensichtliche Bildinhalt enthält so eine unterschwellige Botschaft, die in der Betrachterin auf Resonanz stoßen wird.

Wie zur Verstärkung dieses Spiels mit Meta-Ebenen ist dem melancholischen Denker ein großes Wolkenbild zugeordnet. Vielleicht kann es ihn erden, doch dass es nur ein Bild ist, ein Ausschnitt, zeigt klar der weiße unbearbeitete Bildteil im unteren Drittel an.

Die Malerei, auch jene "nach der Natur", erzeugt durch Farbauftrag die Illusion eines Raumes.

Wie diese Illusion Präsenz herstellt, trägt wesentlich zur Aussage des Bildes bei.

Für eine zweite Gruppe von Arbeiten in dieser Ausstellung scheint der Künstler die gegenteilige Strategie einzuschlagen. Nun sind nicht Bodenlosigkeit und Fehlen einer Verankerung in der Perspektive Ursache des Unbehagens. Landschaft, Wald, Weizenfeld sind vorhanden, einige geschwungene Linien suggerieren glaubwürdig den See, in dem ein kleiner Junge steht. Was tut er dort?  Im Wald, der lebendig und vertraut wirkt, sind in halbtransparenter Manier Figuren zu sehen, die zwischen den Bäumen verschwinden.

Sie sind wie Zeichen einer anderen Realitätsebene. Ein weiterer See, wieder ein kleiner Junge: diesmal wird der See zur überdimensionalen Welle, die alles zu verschlingen droht. Eine gewaltige Verzerrung, die wie selbstverständlich wirkt - nur eine leichte Drehung der Bildfläche, so scheint es!

Dies führt zurück zu der Frage: woher stammen die Bilder?

"Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen." beginnt der Roman, der sich auf die Suche nach der verlorenen Zeit begibt. Im Zwischenreich des Erwachens formen sich jene unwillkürlichen Erinnerungen, auf die das Bewusstsein keinen Einfluss hat. Die "Memoires involontaires" gleichen den Bildern, die der Maler am rationalen Verstand vorbei schleust und für seine traumartigen Bildfindungen nützt. Rätselhafte Elemente als direkter Ausdruck des Imaginären hält er fest, im Wachzustand würden sie wieder verschwinden. Das Unbewusste nutzt Metapher und Metonymie, beides sprachliche Strukturen, um der Darstellbarkeit willen. Verschieben und Verdichten, so erlangen diese Bilder und die darin enthaltenen Erzählungen allgemeinen Charakter.

Diese "Arbeit der Darstellbarkeit" wird von der Malerei ein zweites Mal geleistet. 

Das flüchtige Bild/Imago wird zum Tableau, doch damit kehrt über die Mittel der Malerei etwas vom Unverständlichen und Nicht-Sagbaren zurück. In der Realitätsebene des Bildes, dem "Als-Ob" einer realistischen Darstellung bleibt als Irritation ein imaginärer Rest.