FREYGEIST

Salzburg 21.05.2019 - 13.07.2019

FREYGEIST

nach einer Idee von Gabriele Chiari

Aus einem winterlichen Gespräch mit Peter Frey entwickelte sich die Idee einer gemeinsamen Ausstellung von Kunstlern der Galerie und Künstlerkollegen aus Paris, wo ich selbst lebe und arbeite. Die mir anvertraute Auswahl von Werken orientiert sich an formalen und prozesshaften Verwandtschaften, die im Dialog diesen ungegenstandlichen – «freien» – Arbeiten miteinander hervortreten. «Was mutet der Künstler seinem Medium zu?» lautet die verbindende Frage. Das gedankliche Spiel, das diese Ausstellung begleitet, ist ein dynamisches Gefüge von Bezügen, Kontrasten, Assoziationen; ein Reigen von Farben, Formen und Materialitäten, die allesamt die asthetische Erfahrung in den Vordergrund stellen.

 

Die Malerin Claire Colin-Collin steht mir in der geduldigen Liebe zu ihrem Medium sehr nahe. Sorgsam bearbeitet sie vorerst den Untergrund der Leinwand am Boden. Sehr flüssig wird mit der Farbe die Fläche gestaltet und teilweise wieder geschliffen, um zarteste Farbklänge in einer matten Textur zu sichern. Ganz im Gegensatz zu mir, die ich mich vor der malerischen Geste hüte, setzt Claire Colin-Collin anschließend geradezu genüsslich elementare Pinselstriche, überlagernd, sich ineinander vermischend und mit dem Untergrund verkettend, als Ausdruck einer ihr ganz persönlichen Körpersprache. In diesem spontanen Wiederholen von Gesten entstehen verblüffend einfache, meist zentrale Formen auf subtilem Grund, die uns einladen, uns unvoreingenommen von Ideen auf ihre reine Präsenz einzulassen.

 

Sich überlagernd, verdichtend und unzertrennbar miteinander verwebend führt Antonella Zazzera die Linien des Kupferdrahts ganz intuitiv in die Struktur über, in der diese höchst kompakt und prunkvoll als dreidimensionales Tafelbild in den Raum strahlen. Subtil schattiert sich das Licht entlang der melodisch strukturierten, meist gewölbten Oberfläche ab, wobei ich die engmaschig gearbeitete ovale Form in ihrem Werk besonders schätze. Es ist mir, als handle es sich um das vertraute Spieglein, ... , das anstelle einer glatten Oberfläche das komplex strukturierte Gesicht seiner Wirklichkeit zur Schau tragt. In dieser dichten, elementaren Form erkenne ich mich mit jenen Aquarellen wieder, auf denen sich eine zentrale Form ganz langsam im Trockenen unwiderruflich mit dem Papier verstrickt.

 

Patrice Pantin ist ein Bildhauer und Feuerkünstler der Malerei. Auch bei ihm geht es um Linien und ein Gewirr von Fäden, die seinem ganz einzigartigen Produktionsverfahren standhalten: Minutiös beklebt er seine großen Papierformate mit Klebeband, ritzt dieses ganz regelmäßig ein, bevor er gewisse Teile mit Sand bedeckt und die bloßen Stellen mit dem Schweißbrenner verformt, schmilzt und anbrennt. Was widersteht, wird durch das Einreiben mit Farbe sichtbar gemacht. Auch eine dünne Haut aus Acryl über einem Stein vom Azure Window aus Malta kann durch einen Hauch aus der Spraydose zum geradezu fotografischen Abbild des Reliefs mutieren. Dieser Übergang der Fläche ins Volumen und retour ist mir von meinen organischen Aquarellen her sehr vertraut, die sich im Entstehen stark aufwerfen.

 

«Ein Blatt Stein» könnte die Devise von Herbert Golser in seinen aktuellen Arbeiten aus Südtiroler Marmor lauten. Mit Seilschnitten schält er die Materie aus ihrem Inneren – und testet sie aufs Äußerste. Stehen bleiben bei dieser grenzgängerischen Formsuche dünne Wände weißen Steins, in denen das spröde Material überraschend an Papierexperimente erinnert: runde Türme, sich nach oben verjüngend, oder kantig gefaltet dem Boden verhaftet. Ein besonderes Interesse gilt dabei den Rändern der Form, an denen sich die Materie mit dem Raum quasi zeichnerisch auseinandersetzt. Der Purismus der weißen Form bei Herbert Golser und die kräftige Farbe meiner ähnlich reduzierten Aquarelle ließen bereits in früheren Gesprächen den Wunsch aufkommen, unseren Arbeiten einmal gemeinsam Raum zu geben.

 

Gabriele Chiari