Salzburg 23.07.2015 - 12.09.2015

Melodische Stille

Roberto Almagnos Skulpturen zwischen musikalischem Klang und absoluter Ruhe

 

Melodien entstehen durch die Zusammensetzung verschiedener Klänge in unterschiedlichen Tonlagen. Sie nehmen den menschlichen Gehörsinn in Anspruch, sind angenehm oder unschön und werden subjektiv betrachtet. Wenige Töne reichen aus, um eine bekannte Melodie mit einem Musikstück in Zusammenhang zu bringen, um den Musiker dahinter zu erahnen. Klang hängt unmittelbar zusammen mit Stille, denn ohne die Pausen entstehen keine melodischen Verbindungen zwischen einzelnen Klängen. Die zwei Gegensätze Melodie und Stille sind unabdingbar miteinander verknüpft und setzen das jeweilige andere voraus. Rhythmus entsteht.

 

Auf den ersten Blick sind Roberto Almagnos dunkle Skulpturen stille Begleiter. Sie fügen sich in den Raum, der ihnen gegeben wird und entfalten sich: ruhig und entspannt. Der 1954 in Rom lebende Roberto Almagno arbeitet ausschließlich mit dem Medium Holz, das er in und um die italienische Hauptstadt sammelt. „Meine Skulpturen sind irgendwo zwischen der Suche nach Perfektion und dem Bewusstsein der Fragilität zu verorten“ beschreibt Almagno seine Arbeiten, deren Zartgliedrigkeit den Klängen einer klassischen Sinfonie gleichkommt. Sie verfolgen ein ästhetisches Schema, lassen von einem Crescendo auf die nächste Taktänderung schließen. Fast unwirklich stehen die Holzskulpturen in ihren feingliedrigen Biegungen und Kurven vor einem. Das Werk „Aria“ (2015) steht ganz eindeutig in Bezug zur Musik. Der gebogene Resonanzkörper – einem Menschen oder Instrument gleichkommend – lässt Klangverbindungen in unterschiedlichen Tonlagen entstehen. Dabei wirken die Partikel so als würden sie unabhängig von einander im Raum schwirren und dennoch zusammenhängen. Aber ihr Klang ist unhörbar. Doch allein die stille Skulptur, mit ihrer melodischen Struktur und der liedartigen Ästhetik, erinnert an ein Musikstück.

 

Neben diesem starken Bezug zur Musik überrascht an den Werken das Material: Holz. Sieht man Werke wie „Nido“ (2007) an, denkt man sofort an ein Metall, etwa Stahl. Von einer gebogenen Basis erhebt sich anmutig und stolz ein nach oben strebender Stab. Roberto Almagno verbindet ein besonderes Gefühl mit den Holzstücken, die er in den Wäldern rund um Rom findet. Allerdings verlässt sich der Bildhauer auf bereits abgeworfene Holzstücke, die nicht mehr mit den Bäumen in Verbindung stehen zu denen sie einst gehörten. Almagno nimmt sie mit in sein Atelier und haucht ihnen neuen Geist ein, eine neue Melodie, die sie von nun an repräsentiert. Neben diesem schamanischen Zugang zur Bearbeitung des Naturmaterials, legt der italienische Künstler Wert auf seine Arbeitsmethode, deren Tradition viele Jahrhunderte in der Vergangenheit liegt. Um das gefundene Holz zu biegen und in Form zu bringen, benetzt Almagno sein Material mit Wasser – gerade genug, aber nicht zu wenig – und erwärmt die Oberfläche, sodass die Moleküle elastisch werden.  Trotz des Widerstandes zerbricht das filigrane Material nicht und bleibt in seiner gegebenen Form. Die schwarze Farbe ergibt sich durch eben diesen Prozess – von Ruß umgebenes Holz.

 

„In Asche sehe ich die Essenz aller Formen, ständig im Wandel, filigran und vergänglich“ Roberto Almagno arbeitet mit Holz in jeglicher Form und begreift dabei wie flüchtig das Material Holz ist. Besonders in seinen Arbeiten auf Papier für die er Ruß und Asche verwendet wird dies sichtbar. Eindrücklich verband Almagno seinen alchemistischen Zugang zur Kunst in einem seiner meistgefeierten Werke „Sciamare“, das im Palazzo Venezia in Rom ausgestellt war. 24 Meter erhob sich die Skulptur, wie ein stiller, abstrahierter Pegasus gegen Himmel, während im Umkreis der Skulptur Asche lag. Diese Asche stand in starker emotionaler Verbindung mit Almagnos Eltern, die Partikel über vier Jahre lang sammelten. Dieser entschleunigte Zugang zur Schaffung von Skulpturen verbirgt den rituellen, fast religiösen Zugang des Italieners zum Kreieren. „Asche auf Papier zu streuen ist ein Ritus, ein religiöser Moment“ erklärt Roberto Almagno in philosophischer Manier.

 

Licht und Schatten sowie die Verortung im Raum spielen für die Melodie der Skulpturen  von Roberto Almagno eine essentielle Rolle. Ob an der Wand hängend oder mitten im Raum platziert, lassen sich Details durch den Lichteinfluss herausarbeiten oder zurückdrängen. Insbesondere der Schattenwurf an der Wand verstärkt den Eindruck den die Skulptur hinterlässt. Auch hier spielen musikalische Komponenten wie Crescendo und Decrescendo eine gravierende Rolle, denn während das Objekt an sich eine gewisse Position einnimmt, transferiert die Beleuchtung es in eine andere Sphäre – etwa eine andere Tonart. Der melodische Klang wird insofern verstärkt. Allerdings trägt die Licht und Schatten Dynamik auch dazu bei die Werke Roberto Almagnos zu Ruhepolen zu machen, die Stille vermitteln. Sie entschleunigen und lassen pausieren. Dass sich die Holzskulpturen auf einem schmalen Grat zwischen beschwingtem Allegro und langsamen Adagio Strukturen bewegen, lässt sie in sich stimmig zusammenwachsen.

 

Genau wie die Faszination der melodischen Klänge und ihrer durch Stille durchbrochenen Pausen, beschreibt Almagno seine Skulpturen als Teil einer Reise, die zurückgeht in frühere Tage, in die Vergangenheit seiner eigenen Familie und Herkunft: „Heute, wenn ich in die Wälder gehe,  kehre ich zurück in diese magischen Zeiten. Auch wenn sich vieles verändert hat: Ich mache kein Feuer mehr mit dem Holz, sondern ich biege es in eine gewisse Form.“ Veränderung, Bewegung und den damit vermittelten Klang lassen das gesamte Werk des Italieners zu einem Kosmos zwischen dem Heute, Gestern und Morgen verschmelzen.

 

Lucia Täubler

Kunsthistorikerin