Wien 11.11.2014 - 19.01.2015

HARALD GANGL UND DAS WESEN DER FARBEN

 

“Auch zu schmecken ist sie. Blau wird alkalisch, gelbrot sauer schmecken.

Alle Manifestationen der Wesen sind verwandt.”1

 

Wer sich Harald Gangls Ölbildern annähert, nimmt nicht nur den Geruch wahr, den sie ausströmen: Duft nach trocknenden Farben. Auch bereichert man sich durch komplexe Strukturen auf der Bildoberfläche und versucht etwas sichtlich Abstraktes in ein realistisches Schema einzubauen. Das menschliche Auge möchte wiedererkennen und zuordnen. Manche sehen etwas, manche verlaufen sich in der Bildkomposition zwischen Farbe und Struktur, zwischen hell und dunkel, zwischen vorne und hinten. Betrachter suchen nach Räumen, nach Welten, nach Landschaften oder zumindest nach etwas Organischem. Harald Gangls Hauptsujet ist allerdings die Farbe selbst.

 

Farbabstraktionen

 

„Farben sind für mich wie Wesen mit einem Charakter. Sie sagen etwas aus und sie umgeben mich“2 ,meint der Künstler, wenn er von den Farben spricht, die nicht nur Material, sondern Ausgangspunkt und Fokus seiner Arbeiten sind. Farben begleiten den in Kärnten geborenen und in Wien lebenden Künstler schon sehr lange. Dass er sich nach einer Ausbildung im Gesundheitsbereich zu einer künstlerischen Laufbahn entschied, ist durchaus seiner Entschlossenheit zu verdanken. Während er an der Akademie der Bildenden Künste bei Wolfgang Hollegha studierte, lernte Harald Gangl unterschiedliche Arbeitsweisen kennen; zum Beispiel die seiner Studienkollegen oder die der großen Vorbilder des Abstrakten Expressionismus aus den USA. Fragt man Harald Gangl nach seinen Inspirationsquellen, meint er fast ein wenig trocken: „Ich habe keine bestimmten Bilder vor Augen, keine Gegenstände oder Landschaften. Aber ich bewundere den expressiven Zugang zur Kunst von Jackson Pollock oder Willem de Kooning.“ Die Annäherung des Künstlers an die weiße Leinwand, die in seinem Atelier meist neben einer zweiten hängt – je nachdem welches Format der Maler wählt - passiert durch die Farbe selbst. Harald Gangl abstrahiert keinen Gegenstand, er lässt die Farbe walten, die für ihn wesenhafte Charaktereigenschaften besitzt. Wie bei Schriftstellern, die sich gedanklich mit Worten spielen, die spätnachts zum Stift greifen um sich eine Phrase zu notieren, schaut der Maler auf eine weiße Wand und sieht Farben, die sich zu einer Komposition ergeben. Manches Mal flackern sie nur kurz auf, andere gesellen sich dazu und sind wieder verschwunden. Johann Wolfgang von Goethes Farbenlehre baut auf der subjektiven Wahrnehmung auf, die von einer nicht wissenschaftlich nachvollziehbaren Beobachtung ausgeht. Goethe beobachtete das, was in den Naturwissenschaften ausgeklammert wurde: reine, sinnlich erfahrbare Erscheinungen.

 

1 Johann Wolfgang von Goethe, Farbenlehre, Vorwort, 1810
2 Zitat aus einem Gespräch mit Harald Gangl im Oktober 2014

 

Inspiration Goethe

 

„Die Farben sind Taten des Lichts, Taten und Leiden. In diesem Sinne können wir von denselben Aufschlüsse über das Licht erwarten. Farben und Licht stehen zwar untereinander in dem genausten Verhältnis, aber wir müssen uns beide als der ganzen Natur angehörig denken: denn sie ist es ganz, die sich dadurch dem Sinne des Auges besonders offenbaren will.“3 Goethes Farbenlehre steht im krassen Gegensatz zur herkömmlichen Naturwissenschaft und offenbart den Menschen eine neue Zugangsweise zur Kunst und den Farben an sich, indem die Wahrnehmungssphäre in die Theorie integriert wird. Wirklichkeit kann sich immer nur durch die Beziehung zwischen Subjekt und Objekt offenbaren. Harald Gangl greift den ganzheitlichen Charakter der Farbenlehre Goethes auf und überträgt ihn auf seine Arbeitsweise. Neben der Farbe selbst nehmen der Auftrag sowie die dabei entstehende Struktur relevante Konstanten ein. Dazu schöpft Harald Gangl aus seiner langjährigen Erfahrung, die ihn von schwerem, sehr dickem Auftrag, um eine Reliefstruktur zu erreichen, hin zur feingliedrigen Gestaltung mit komplexem Tiefgang führte. Am liebsten greift der Maler zum Hochformat, hierbei nimmt die Farbe vertikal über die Leinwand Platz ein und breitet sich aus. Schicht für Schicht, Farbe um Farbe trägt er mit einer Walze, mit Rollen oder dem Pinsel auf, nimmt die Hände zu Hilfe und erreicht bestimmte Effekte mit weiteren Utensilien. „Natürlich ist die Komposition gleichbedeutend mit den Farben, die verwendet werden. Ich komponiere das Bild aber während des Prozesses. Ich verarbeite Gesehenes, habe aber keine Vorlagen“, bringt Harald Gangl seinen Zugang zur Entstehung eines Werks näher. Er blendet nicht aus, sondern nimmt Eindrücke der Natur und der Kunst mit ins Atelier. Dazu gehören sowohl Makro- als auch Mikrokosmos, wie fotografische Aufnahmen von Blattstrukturen exotischer Pflanzen oder Texturen von abfallendem Putz. Ihn fasziniert der penibel genaue Blick auf die Dinge, welche die Menschheit umgeben und er nimmt Momentaufnahmen davon in sich mit.

 

Die Werke von Harald Gangl auf Leinwand entführen den Betrachter in eine Wahrnehmungssphäre, die sich durch Farbkompositionen deutlich macht. Im Gegensatz dazu nimmt der Künstler in den Papierarbeiten seine Erinnerungen und Momentaufnahmen mit, um spielerisch organische Elemente einzusetzen. In die Farbe geritzte Linien erinnern sofort an wachsendes Gras oder an aufstrebende Birken, die in der Ferne zu sehen sind. Auch dem Querformat gibt Harald Gangl öfter eine Chance als auf der Leinwand, in der es ihm natürlich erscheint zum Hochformat zu greifen. „Sobald wir einen Horizont zu erkennen glauben, sehen wir eine Landschaft. Diesem Phänomen möchte ich eigentlich entgegenwirken, denn auch die Papierarbeiten stellen keine abstrahierten Landschaften dar, sondern erlauben mir organische Formen mit hinein zu nehmen.“ Der Maler lässt sich auch in dem Schaffensprozess auf Papier nicht einschränken, sondern geht mit einer Offenheit an seine Werke, die andere in Schrecken versetzen. Ohne Vorlage, ohne Grobkonzept, ohne Vorzeichnung: das Bild entsteht mit der und durch die Farbe allein.

 

3 Johann Wolfgang von Goethe, Farbenlehre, Vorwort, 1810


Mag.a. Lucia Täubler

Kunsthistorikerin