Wien 16.07.2015 - 08.09.2015

Ausschnitt vom Katalogtext der Galerie Albert Baumgarten, Freiburg

von Heiderose Langer

 

Der Zauber des Gewöhnlichen oder Warum die Tüten auf den Zehenspitzen stehen

„Soll ich dir das Schönste zeigen, was ich je gefilmt habe?“, fragt Ricky Fitts seine Freundin Jane in dem Oscar gekrönten Film „American Beauty“ und verzaubert sie mit dem Video von einer im Wind tanzenden weißen Plastiktüte. Weder das Geräusch des Windes noch das Rascheln der Tüte ist zu hören. Es herrscht Stille an diesem Ort im Nirgendwo. Diese kurze filmische Sequenz wird bis heute als unvergessliches Bild eines befreiten Lebens, der intensiven Erfahrung des Augenblicks und der Schönheit des Flüchtigen gesehen. Entscheidend ist, dass die Gedanken und Gefühle, die beim Beobachten der tanzenden Plastiktüte geweckt werden, den gewöhnlichen Wegwerfartikel in ein Objekt der ästhetischen Wahrnehmung verwandeln. Banales geht in Komplexes, Zufälliges in Bedeutsames, Reales in Fiktives über.

 

Schauplatz dieser wundersamen Transformation einer Plastiktüte ist der öffentliche Raum, wohingegen Sabine Christmann ihre Tüten und anderen Verpackungsmaterialien in einem Raum präsentiert, der neutral weiß gehalten ist und sich nicht eindeutig verorten lässt. Er ist artifiziell, nahezu strukturlos und überschaubar. Eine Bühne der Möglichkeiten. Man könnte sich vorstellen, dass sich ihre Protagonisten, zumeist in einem Ensemble von Gleichgesinnten auftretend, als Grenzgänger zwischen Alltag und Kunst, Natürlichkeit und Künstlichkeit, Realität und Fiktion verstehen und nicht wirklich eingefangen und festgelegt werden wollen, weder mit Worten noch mit dem Pinsel.

 

Wie eine Choreografin weist sie den vor ihr ausgewählten und arrangierten Tüten in dem als Malvorlage dienenden Stilleben einen Platz zu, legt individuelle Positionen und Beziehungen fest. Die Tüten stehen auf einer Glasplatte vor einer Wand, stabilisiert mit Drähten, dem wechselnden Spiel von Licht und Schatten ausgesetzt und immer von der Angst durchdrungen, ein plötzlicher Windstoß könnte ihren gemeinsamen Auftritt jäh zerstören. Der Eindruck dieses Sich-Präsentierens schwankt zwischen fester, selbstbewusster Standhaftigkeit und locker-leichten, tänzerischen Bewegungen. Transformation und Stillstehen sind gleichermaßen bestimmende Handlungsweisen der Akteure. Fast scheint es so, als bräuchte dieses reale Arrangement aufgrund seiner leichten Zerstörbarkeit das Medium Malerei, um sich in einem fiktiven Raum den Traum von Zeitlosigkeit, Erhabenheit und Schönheit erfüllen zu können.