Wien 21.11.2012 - 11.01.2013

FARBE ALS PASSION

Notizen zur rezenten Malerei von Harald Gangl

von Mag. Carl Aigner

 

Die Farbe hat mich…Ich bin Maler

Paul Klee

 

Farbwelten

 

Von Beginn der europäischen Malerei an hat die Farbe über Jahrhunderte eine vielfältige und vielgestaltige Aufgabe inne. Ihre Polyvalenz reicht von Aspekten der Symbolisierungen bis hin zur Synonymisierung von Leben, von mystischen Implikationen bis zu Realismen des 19. und 20. Jahrhunderts. Doch kein Ereignis war im 19. Jahrhundert für die Farbe in der Malerei folgenreicher und eruptiver als das Auftreten der (oft naturwissenschaftlichen Erkenntnissen von Farbe und Licht folgenden) impressionistischen Malerei und in Folge der prä-expressionistischen Werke eines Van Gogh oder kunsthistorische Positionen eines El Greco.

 

Mit dem Erscheinen des Expressionismus zu Beginn des 20 Jahrhunderts (und ihren spät- und neoexpressiven Diskursen im Verlaufe des letzten Jahrhunderts) wird die Farbe zum Synonym für Abstraktion schlechthin. Ihre Autonomisierung im Hinblick auf Gegenständlichkeit ließ sie zu einem genuinen Ereignis in der Bildenden Kunst werden. Die Freisetzung der Farbe von ikonographischen Bezügen ermöglichte einen postretinalen Diskurs der Malerei, die wie kein anderes Phänomen die Malerei bis heute „formatiert“: „Solange die Kunst vom Gegenstand nicht loskommt, bleibt sie Beschreibung, Literatur…“, schreibt Paul Klee diesbezüglich 1913. Die Farbe erfährt einen genuinen Seinstatus, der die Malerei des 20. Jahrhunderts existentiell konstituiert, denken wir etwa an die so genannte „Farbfeldmalerei“ der Nachkriegszeit.

 

 

Architekturen der Farben

 

Es ist das Phänomen Farbe, welches für Harald Gangl den Weg zur Malerei öffnete. 1959 in Klagenfurt geboren, begann er 1983 sein Studium an der Akademie der Bildenden Künste in Wien und schloss in der Meisterklasse Hollegha 1988 mit Diplom ab. Seit den 1980er Jahren ist die Malerei mit Ölfarbe das Medium des künstlerischen Arbeitens von Harald Gangl.

 

Trägermaterial ist weiß grundiertes Molino, eine gröbere Baumwollleinwand, die als Eigenschaft eine besondere Saugkraft und damit Haftung in Bezug auf den Farbauftrag impliziert. In vielfältiger Weise wird dabei die Farbe aufgetragen: mittels Pinsel, Walze, Spachtel oder nur mit den Händen. Gangl präferiert keine reinen Farben oder gar das Prinzip der Farbkomplementarität. Unterschiedlichste Farbvaleurs werden in einer vielschichtigen, quasi farbarchitektonischen Malweise Schicht für Schicht aufgetragen, immer wieder auch wieder abgetragen, bis es zu monochromisierenden Farbflächen und – architekturen kommt.

 

In feinen Farbnuancen und –übergängen sind die Farbarchitekturen geprägt von zeichnerischen Gebilden, zarten Linienverläufen, welche die Farbmalerei graphisch akzentuieren und äußerst dünnflüssig, fast transparent aufgeführt werden(insbesondere jene Bildwerke, die stark in Schwarz- und Grauwerten gehalten sind). Beeindruckend die Tonwerte einzelner Farbelemente und deren verdichtete Verschmelzungen, die einen starken farbkosmischen Eindruck vermitteln. Wesentlich dabei ist der Charakter des Prozesshaften. Es gibt kein konzeptuelles oder zunächst theoretisch begründetes Vorgehen. Bis zum letzten Moment des Malens ist das Bild in einem Status nascendi, bedingt vor allem durch eine primär intuitive Arbeitsweise, die dem Moment des Empfindens folgt und nicht einer rationalen Gestaltung. Auch daraus resultiert das Faktum, dass die Formfrage des Bildes eine farbkompositorische ist.

 

Vom Sein der Farbe

Farbe ist das Elixier der Malerei von Gangl. Dabei wird sie weder auf ästhetische, physikalische, psychologische oder spirituelle Aspekte reduziert. Vor allem auf die Farblehre von Wolfgang Johann von Goethe replizierend – „Die Farben sind Taten des Lichts, Taten und Leiden“ – haben sie für den Künstler einen wesenhaften Charakter des Lebendigen. Sie sind für ihn, wie er selbst betont, „lebendige Wesen“. Die Farbe erfährt so einen ontologischen Status im Akt der Malerei und ist nicht ein bloß ästhetisches Erlebnis.

 

Dieses Verständnis einer Wesenhaftigkeit von Farbe lässt sie zu einem unabdingbarem „Gegenstand“ seiner Malerei werden. Insofern ist die Malerei von Gangl nicht abstrakt, da sie nicht von irgendwelchen (realen) Gegenständen abstrahiert, sondern in kontextuellem, referenzbezogenem Sinn gegenstandslos, da ihr Gegenstand das Material der Malerei, hier also die Farbe selbst, ist. Farbe wird als eigene Entität und Kraft begriffen, als autochthones Phänomen, welches dem Bild einen „Körper“, also Leben gibt. Farbe ist kein Hilfsmittel der Malerei mehr, sondern gewissermaßen ihr absoluter „Seinszustand“, in der Sprache der Musik ihr „Organum“. Paul Klee hat es im Hinblick auf die Aquarellmalerei vortrefflich formuliert: „Und nun noch eine ganz revolutionäre Entdeckung: Wichtiger als die Natur und ihr Studium ist die Einstellung auf den Inhalt des Malkastens. Ich muß dereinst auf dem Farbklavier der nebeneinander stehenden Aquarellnäpfe frei phantasieren können.“

 

Weder Raum noch Fläche, sondern Musikalität

 

Harald Gangl bezieht sich im Gespräch mit seiner bildnerischen Arbeit immer wieder auf Termini der Musik. So wie Töne eine fundamentale Seinsweise von Musik sind, ist es für ihn auch die „Klaviatur“ der Farben. Selbst langjähriger Musiker, ist für ihn der Begriff der „Komposition“ als Ausdruck für die Bildgewinnung von großer Relevanz. Beim Betrachten seiner Werke stellt sich ein eigentümlicher Bildeindruck ein: Weder Bildfläche noch Bildraum werden geschaffen, die außerordentliche Sinnlichkeit seiner Malerei fußt auf etwas Drittem, höchstens mit dem Begriff der Musikalität annähernd beschreibbar. Um noch einmal Paul Klee zu bemühen: „ Immer mehr drängen sich mir Parallelen zwischen Musik und bildender Kunst auf…Sicher sind beide Künste zeitlich…:die Ausdrucksbewegung des Pinsels, die Genesis des Effektes.“ So wie Töne nicht ein Attribut von Musik sind, sind auch die Farben kein Attribut der Malerei für Gangl. Die Seinsweise seiner Malerei kann analog zur Seinsweise der Musik gesehen werden: Ihr Raum ist Zeit, so wie die Bildfläche der Malerei selbst auch Zeit ist. So evoziert die Malerei von Harald Gangl ein synästhetisches Verlangen: Mit den Augen zu hören, mit den Ohren zu sehen (man denke nur an die gestische Malerei eines Markus Prachensky oder Hans Staudacher, die bei vielen Werkserien ohne den „Background“ der Jazzmusik nicht denkbar wäre).

 

Dies gilt auch für seine neuen, erst seit einem Jahr realisierten Ölmalereien auf Papier. Mit Walzen variierender Druckkraft aufgetragen, mit zwei bis drei Lasuren am Ende des Malprozesses versehen, offerieren sie einen gänzlich anderen Charakter: experimenteller, auch spielerischer, haben sie keinen „symphonischen“, sondern einen improvisatorisch-„kammermusikalischen Klang“ und wirken wie essayistische Notationen: Bild-Stücke als Musik-Stücke - bei manchen denkt man unwillkürlich an Amadeus Mozart, bei manchen an Edvard Grieg, immer wieder an John Cage, vor allem aber auch an Miles Davis.

 

Ausklang

 

Warum nicht mit Paul Klee enden: „Das ist der glücklichen Stunde Sinn: ich und die Farbe sind eins.“ (Tunis, 16. April 1914)

 

Literaturhinweise

Paul Klee: Kunst-Lehre, Leipzig, Reclam Verlag 1987

Paul Klee: Tagebücher 1898 – 1918, Köln, M. Dumont Schauberg, 1957

Wilfried Liebchen: Goethes Farbenlehre, Sandberg-Kilianshof 1999

Gespräch des Autors mit Harald Gangl am 22. 10. 2012 in seinem Atelier in Wien