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>>dessins<< Gabriele CHIARI - Adrienn KISS - Anna SCHREGER
15.02.2006 - 15.04.2006
Die Galerie Frey zeigt Werke von drei jungen Künstlerinnen, drei unterschiedliche Positionen, deren Gemeinsamkeit das Medium der Zeichnung bzw. des Aquarells ist. Der Bildträger ist ausschließlich Papier. Ruhig und feinfühlig wirken die einzelnen grafischen Beiträge, dominiert vom weißen Grund des Blatt Papiers. Es ist eine in sich stimmige und harmonische Schau, deren Stärke in der Reduktion und der Stille der einzelnen Arbeiten liegt – konträr zur momentanen Fixierung des Kunstmarktes auf die figurative Ölmalerei im großen Format.
„Bereits die Zeichner der frühen Neuzeit beriefen sich auf ein geistiges Konzept, das Disegno. (…) Mit Disegno meinten sie ebenso sehr die äußere Form der Gestaltung, das Zeichnen, wie einen Erkenntnis- oder Denkvorgang, der mit der Form der Zeichnung eng verbunden ist, so dass in den theoretischen Entwürfen der Renaissance das Zeichnen sogar vor Malerei und Bildhauerei als Ursprung des gestalterischen Denkens verstanden wurde.“ So der Kunsthistoriker Dieter Schwarz.
Die Zeichnung ist oft der unmittelbarste Zugang des Künstlers. Die direkte Vermittlung zwischen Idee, Konzept und realisierter Arbeit. Jede der drei Künstlerinnen – Adrienn Kiss, Gabriele Chiari und Anna Schreger – geht unterschiedlich mit dieser sensiblen Technik um. Doch gemein ist allen eine unglaubliche Sensibilität und Kraft.
Adrienn Kiss arbeitet meist auf großformatigen Papierbögen. Ihre Themen kreisen oft um die Figur, um den irrealen Bezug zwischen Person und Gegenstand. Am Computer setzt sie die Bildideen um und erarbeitet wie in der Collage ihre Skizzen, um diese dann mithilfe von Buntstiften auf den Bildträger zu übertragen. Eine Art Umkehrung findet hier statt, denn die Skizze ist nicht mehr, wie in der von Dieter Schwarz zitierten Aussage, die Zeichnung. Die Vorlage wird mittels der Technik erstellt. So setzt Adrienn Kiss einen überdimensionierten Apfel vor eine Figurengestalt. Diese surreal anmutende Szene wird dann aufgeblasen und fein akribisch auf den Bildträger übertragen – fast skizzenhaft. Den Strich setzt sie in gebündelten kurzen Intervallen auf das Papier und bewirkt somit eine Art Sfumato, ein malerisches Changieren tritt ein. Verschwommen und bewegt erscheinen dem Betrachter die einzelnen Arbeiten, nicht zuletzt auch durch die Anordnung der unterschiedlichen Figuren bzw. Gegenstände. So schwebt etwa der zuvor besprochene rote Apfel vor einer verdrehten Gestalt, die lediglich in ihrer angedeuteten Ausformung verharrt. Das „Weglassen“ – das Zeigen des Bildträgers – gehört neben den Strichbündeln ebenfalls zum Konzept der Künstlerin. Alles Mittel, um Bewegung und Spannung in die einzelnen Werke einfließen zu lassen. Der Porträtierte wirkt gespenstisch entrückt, losgelöst von der Realität. Präsenter erscheint eine Art Abdruck des Dargestellten und nicht die reale Person an sich. Der Bildgrund, der in der Ölmalerei so oft vollkommen überdeckt wird, spielt in den Arbeiten von Adrienn Kiss somit eine wesentliche Rolle, denn sie setzt diesen gleichsam als Farbe in ihren Werken mit ein.
Anders geht Anna Schreger in ihren Arbeiten vor. Im Gegensatz zu Adrienn Kiss verbannt sie meist die Farbe aus ihren Arbeiten. Ihre Darstellungen von Gestik, Stofflichkeit und Haptik bestechen durch einen exakt gesetzten schwarzen Bleistift- bzw. Eddingstrich.
Der Grundgedanke ihrer Arbeit ist die Übertragung der konzeptuellen Bildidee auf den Bildgrund und neben dieser direkten Übersetzung des Striches, geführt durch die eigene Hand, steht auch die Auseinandersetzung des haptischen Fühlens. Mithilfe unserer Finger können wir unterschiedliche Materialitäten erfühlen, können den Stoff „begreifen“, ihn zusammendrücken, ihn auf ein reduziertes Volumen verkleinern. Dieser Grundgedanke beschäftigt Anna Schreger und diesem widmet sie sich, wenn sie Hände zeichnet, die einen braunen Stofffetzen halten. In einer ganzen Serie setzt die Künstlerin die Idee des Stoffes mithilfe des Geschirrtuchs um. Mit Tusche auf Papier sind unterschiedlichste Varianten zu erkennen, wie eine Hand bzw. die Finger ein kariertes alltägliches Objekt aus der Küche verwenden, drücken oder auch zerknüllen kann.
Auf einem beinahe quadratischen Bildgrund erkennt der Betrachter scheinbar einen Theatervorhang, der verschiedene Schlitze zeigt. Unzählige Hände versuchen diese Öffnungen zu verschließen. Jede Hand geht anderes vor und präsentiert somit eine Vielzahl an Variationen, wie so ein Tuch verschlossen werden kann. Die Darstellung der Hand und ihre Gestik gehen auf eine alte Tradition in der Kunstgeschichte zurück und sind gerade bei Dürer und Grünewald immer wieder eine viel behandelte. Anna Schreger beschäftigt sich in ihren Arbeiten ganz intensiv mit der Möglichkeit der Haptik und der unterschiedlichen Gestik der Hand.
Sind die Arbeiten von Adrienn Kiss ausgeführt mit Hilfe gestischer Strichbündel so ist das Thema bei Anna Schreger die Gestik der Hand an sich.
Bei Gabriele Chiari spielen Zufall und wissenschaftliche Zeichnung dieses Zufalls den Grundgedanken. Unterschiedliche Gegenstände verwendet die Künstlerin, um das Aquarell auf dem Bildträger wirken zu lassen. So arbeitet sie etwa mit einem Besen, oder lässt die flüssige Farbe auf einem schwarzen Bildgrund fließen, in dem sie das Blatt anhebt, oder gar eine Art Schablone verwendet, um die mit Eisen angefüllte Aquarellfarbe in eine Struktur zu bringen, die dezente Rostflecken aufweist. Nicht immer geht die Idee auf, wie die Künstlerin selber sagt. Der Zufall spielt hier eine ganz wesentliche Rolle. Feinfühlig und reduziert wirken diese Arbeiten. Gekonnt in der Technik und raffiniert in der Ausführung. Die Idee ist hier ein unmittelbare, eine die auch nicht immer auf Anhieb funktioniert, aber die solange weiter getragen wird, bis eine befriedigende Lösung für Gabriele Chiari entstanden ist. Neben ihrem Studium an der Ecole des Beaux-Arts in Paris hat sie auch eine Ausbildung als Archäologin genossen. Das Erstellen von akribisch genauen Zeichnungen hat sie während dieser Zeit gelernt und diese Fertigkeit stellt sie nun dem Zufallsprodukt des Aquarells gegenüber. Zuerst fotografiert sie die Aquarelle und überträgt dann in einer wissenschaftlichen Manier die Abbildung mit Hilfe von Buntstiften auf einen kleinen Bildträger. „Dessin d’après aquarelle“ nennt sie diese Miniaturzeichnungen: konträr zur Idee der Skizze, denn diese wird bei Gabriele Chiari erst nach dem Endprodukt gefertigt. Sensible Widersprüche bestimmen so das Werk: Zufall kontra Wissenschaft, Endprodukt kontra Studie.
Drei Künstlerinnen, drei unterschiedliche Ideen, drei unterschiedliche Ausführungen, aber eine Gemeinsamkeit: Sensibilität. Eine wirklich gelungene Ausstellung.
Eva Maria Bechter



