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Harald Gangl
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Galerie Frey Wien

Über DIE Ausstellung

HARALD GANGL UND DAS WESEN DER FARBEN

“Auch zu schmecken ist sie. Blau wird alkalisch, gelbrot sauer schmecken.
Alle Manifestationen der Wesen sind verwandt.” 1

Wer sich Harald Gangls Ölbildern annähert, nimmt nicht nur den Geruch wahr, den sie ausströmen: Duft nach trocknenden Farben. Auch bereichert man sich durch komplexe Strukturen auf der Bildoberfläche und versucht etwas sichtlich Abstraktes in ein realistisches Schema einzubauen. Das menschliche Auge möchte wiedererkennen und zuordnen. Manche sehen etwas, manche verlaufen sich in der Bildkomposition zwischen Farbe und Struktur, zwischen hell und dunkel, zwischen vorne und hinten. Betrachter suchen nach Räumen, nach Welten, nach Landschaften oder zumindest nach etwas Organischem. Harald Gangls Hauptsujet ist allerdings die Farbe selbst.

Farbabstraktionen

„Farben sind für mich wie Wesen mit einem Charakter. Sie sagen etwas aus und sie umgeben mich“2 ,meint der Künstler, wenn er von den Farben spricht, die nicht nur Material, sondern Ausgangspunkt und Fokus seiner Arbeiten sind. Farben begleiten den in Kärnten geborenen und in Wien lebenden Künstler schon sehr lange. Dass er sich nach einer Ausbildung im Gesundheitsbereich zu einer künstlerischen Laufbahn entschied, ist durchaus seiner Entschlossenheit zu verdanken. Während er an der Akademie der Bildenden Künste bei Wolfgang Hollegha studierte, lernte Harald Gangl unterschiedliche Arbeitsweisen kennen; zum Beispiel die seiner Studienkollegen oder die der großen Vorbilder des Abstrakten Expressionismus aus den USA. Fragt man Harald Gangl nach seinen Inspirationsquellen, meint er fast ein wenig trocken: „Ich habe keine bestimmten Bilder vor Augen, keine Gegenstände oder Landschaften. Aber ich bewundere den expressiven Zugang zur Kunst von Jackson Pollock oder Willem de Kooning.“ Die Annäherung des Künstlers an die weiße Leinwand, die in seinem Atelier meist neben einer zweiten hängt – je nachdem welches Format der Maler wählt - passiert durch die Farbe selbst. Harald Gangl abstrahiert keinen Gegenstand, er lässt die Farbe walten, die für ihn wesenhafte Charaktereigenschaften besitzt. Wie bei Schriftstellern, die sich gedanklich mit Worten spielen, die spätnachts zum Stift greifen um sich eine Phrase zu notieren, schaut der Maler auf eine weiße Wand und sieht Farben, die sich zu einer Komposition ergeben. Manches Mal flackern sie nur kurz auf, andere gesellen sich dazu und sind wieder verschwunden. Johann Wolfgang von Goethes Farbenlehre baut auf der subjektiven Wahrnehmung auf, die von einer nicht wissenschaftlich nachvollziehbaren Beobachtung ausgeht. Goethe beobachtete das, was in den Naturwissenschaften ausgeklammert wurde: reine, sinnlich erfahrbare Erscheinungen.

Inspiration Goethe

„Die Farben sind Taten des Lichts, Taten und Leiden. In diesem Sinne können wir von denselben Aufschlüsse über das Licht erwarten. Farben und Licht stehen zwar untereinander in dem genausten Verhältnis, aber wir müssen uns beide als der ganzen Natur angehörig denken: denn sie ist es ganz, die sich dadurch dem Sinne des Auges besonders offenbaren will.“3 Goethes Farbenlehre steht im krassen Gegensatz zur herkömmlichen Naturwissenschaft und offenbart den Menschen eine neue Zugangsweise zur Kunst und den Farben an sich, indem die Wahrnehmungssphäre in die Theorie integriert wird. Wirklichkeit kann sich immer nur durch die Beziehung zwischen Subjekt und Objekt offenbaren. Harald Gangl greift den ganzheitlichen Charakter der Farbenlehre Goethes auf und überträgt ihn auf seine Arbeitsweise. Neben der Farbe selbst nehmen der Auftrag sowie die dabei entstehende Struktur relevante Konstanten ein. Dazu schöpft Harald Gangl aus seiner langjährigen Erfahrung, die ihn von schwerem, sehr dickem Auftrag, um eine Reliefstruktur zu erreichen, hin zur feingliedrigen Gestaltung mit komplexem Tiefgang führte. Am liebsten greift der Maler zum Hochformat, hierbei nimmt die Farbe vertikal über die Leinwand Platz ein und breitet sich aus. Schicht für Schicht, Farbe um Farbe trägt er mit einer Walze, mit Rollen oder dem Pinsel auf, nimmt die Hände zu Hilfe und erreicht bestimmte Effekte mit weiteren Utensilien. „Natürlich ist die Komposition gleichbedeutend mit den Farben, die verwendet werden. Ich komponiere das Bild aber während des Prozesses. Ich verarbeite Gesehenes, habe aber keine Vorlagen“, bringt Harald Gangl seinen Zugang zur Entstehung eines Werks näher. Er blendet nicht aus, sondern nimmt Eindrücke der Natur und der Kunst mit ins Atelier. Dazu gehören sowohl Makro- als auch Mikrokosmos, wie fotografische Aufnahmen von Blattstrukturen exotischer Pflanzen oder Texturen von abfallendem Putz. Ihn fasziniert der penibel genaue Blick auf die Dinge, welche die Menschheit umgeben und er nimmt Momentaufnahmen davon in sich mit.

Die Werke von Harald Gangl auf Leinwand entführen den Betrachter in eine Wahrnehmungssphäre, die sich durch Farbkompositionen deutlich macht. Im Gegensatz dazu nimmt der Künstler in den Papierarbeiten seine Erinnerungen und Momentaufnahmen mit, um spielerisch organische Elemente einzusetzen. In die Farbe geritzte Linien erinnern sofort an wachsendes Gras oder an aufstrebende Birken, die in der Ferne zu sehen sind. Auch dem Querformat gibt Harald Gangl öfter eine Chance als auf der Leinwand, in der es ihm natürlich erscheint zum Hochformat zu greifen. „Sobald wir einen Horizont zu erkennen glauben, sehen wir eine Landschaft. Diesem Phänomen möchte ich eigentlich entgegenwirken, denn auch die Papierarbeiten stellen keine abstrahierten Landschaften dar, sondern erlauben mir organische Formen mit hinein zu nehmen.“ Der Maler lässt sich auch in dem Schaffensprozess auf Papier nicht einschränken, sondern geht mit einer Offenheit an seine Werke, die andere in Schrecken versetzen. Ohne Vorlage, ohne Grobkonzept, ohne Vorzeichnung: das Bild entsteht mit der und durch die Farbe allein.

1 Johann Wolfgang von Goethe, Farbenlehre, Vorwort, 1810

2 Zitat aus einem Gespräch mit Harald Gangl im Oktober 2014

3 Johann Wolfgang von Goethe, Farbenlehre, Vorwort, 1810

Mag.a. Lucia Täubler

Kunsthistorikerin

über den Künstler

Ausschnitt vom Katalogtext von Mag. Sonja Traar 

Harald Gangl reduziert in dem Maße, in dem die Fülle seiner Bildsprache zunimmt – je mehr er sich abverlangt, je tiefer er in die Farbtöne eintritt, um so reicher ist das Ergebnis – reich an gedanklicher Fülle, aber auch reich an ertastbarem und fühlbarem Material. Wenn wir uns nun nach langer Zeit von dem Bild abgewandt haben, bleibt mehr ein Geschmack und ein Klang in uns zurück, als eine bildliche Vorstellung. Wir haben, ohne es zu merken, mit dem Bild gesprochen, es hat uns in eine wortreiche Unterredung verwickelt, einmal ganz laut, dann wieder ganz leise. Und wir haben, ohne es erkannt zu haben, einen Ausschnitt der Welt gesehen: Wir haben unterschieden zwischen Himmel und Erde, haben einen Schneesturm gesehen die Oberfläche einer Lacke oder die weite Landschaft Afrikas, das Flimmern über der Wüste oder den Sprühregen eines Wasserfalls im fernöstlichen China. Auf jeden Fall ist es eine ganze Menge, auf jeden Fall viel zu viel, um es mit dem losen Wort „Abstraktion“ abzutun – und wenn wir nur sagen können, es ist „schön“, so sei uns das zugestanden, denn um die ganze Fülle der Erlebniswelt auszudrücken, die wir durchlebt haben, fehlen uns die Worte.

Pressestimmen

  • Mag. Carl Aigner , 2013 DE
  • Mag. Sonja Traar DE
  • Mag. Carl Aigner, ATMOSPHÄREN, 2019
  • Zum Amalgam von Licht und Farbe im Werk von Harald Gangl
Wäre nicht das Auge sonnenhaft,
die Sonne könnte es nie erblicken…
– Goethe

Sind es Unterwasseraufnahmen? Diffuse Wolkenformationen? Oder Schneegestöber? Farbeffekte von Mikrophotographien? Reste einer Farbpalette? Feuerspuren? Bloße Lichtreflexe? Kosmische Geschehnisse? Extreme Vergrößerungen winziger Objekte? Mit dem Aufkommen einer sogenannten „gegenstandslosen“ Malerei, ob „peinture informel“, Tachismus oder „Gestische“ Malerei, wird nicht nur das Bild vom Gegenständlichen befreit, sondern ebenso der Blick auf das Werk selbst, der sich jenseits von Gegenständlichem konstituieren kann. Losgelöst von Figurativem, wird das Bild zu einer Membran von Intrinsischem und Extrinsischem. Die literarische Moderne prägte dafür den Begriff „stream of consciousness“: innere Bewusstseinsströme bzw. innerer Monologe, die für den Leser erst durch Verbalisierungsströme sichtbar und rezipierbar werden (James Joyce Roman „Ulysses“ ist ein paradigmatisches Beispiel).

Die informelle Malerei arbeitet mit derselben Verfahrensweise. Analog dazu können wir also die Malweise von Harald Gangl als „inneren Monolog“ skizzieren, wobei anstelle von Schrift Farbmaterialien fungieren, mit denen er „spricht“, beziehungsweise „schreibt“. Seine informelle Malerei – die nur partiell einen klassischen gestischen Charakter aufweist – ist ein komplexer, prozessualer Vorgang. Die selbstbespannte Molino-Leinwand (sie muss sehr stark gespannt sein, um sein Malprozedere realisieren zu können) wird vorgeleimt und mit Malweiss (Kreidegrund) grundiert, aber auch Fabriani-Papier ist ein wichtiges Trägermaterial. Damit ist die Basis für die darauf entstehenden Farbarchitekturen geschaffen. Malschichten werden mittels Pinsel, Händen, Spachtel oder Walze in einem intuitiven Prozess aufgetragen und immer wieder abgeschabt, abgekratzt und neu aufgesetzt.

 Die so entstehenden Malspuren ermöglichen äußerst fein nuancierte Farbelemente und Farbübergänge, die ineinanderfließen und jede Konturierung verweigern. So wie im „inneren Monolog“ die Wörter ineinanderfließen (und oft keine Satzbauten aufweisen), gehen bei Harald Gangl die Farbvaleurs ineinander über und bilden die für ihn typischen Farbtexturen. Ihm geht es nicht um eine konzeptuelle, sondern um eine atmosphärische Bildgewinnung. Seine dabei entstehende „Rhetorik“ der Farben bewirkt eine lebendige Bildfläche und gleichzeitig auch durch die minutiöse Schichtenarchitektur seiner spontan-filigranen Malweisen einen äußerst inspirierenden Bildraum. In den rezenten Arbeiten finden sich noch feinere Lasur-Schichten, fragil wirkende Farbelemente, die das Bild-Räumliche weiter akzentuieren.

Die sich im Sinne des Figurativen einer Gegenständlichkeit verweigernden Malerei verfügt über wenige Instrumentarien einer Bildgestaltung. Farbe, quasi-organische Formen sowie Licht sind die Basisingredienzien, aus denen sich der Bildkosmos generieren kann. Augenblicksempfindungen sind dabei gewissermaßen der Treibstoff des Malens. Die daraus resultierenden „Bild-Stimmungen“ evozieren unendliche Innerwelten. Bei Harald Gangl sind es Lichtwelten, die sich aus den Farbräumen entpuppen, wie überhaupt die Gewinnung von Bildlicht den Grundton seiner Malerei bildet. Es ist die dabei entstehende Bildtransparenz, die einen dematerialisierenden Farbeffekt bewirkt. Licht als Ursprung allen Lebens erfährt in den Arbeiten des Künstlers beinahe eine „gotische“ Dimension: das Materiale transzendierend, mutieren die Farben selbst zu Lichtwelten, zu unendlichen spirituellen Weiten, zu einem grenzenlosen Wahrnehmungskosmos.

Die Amalgamierung von Licht und Farbe formt die subtilen Maltexturen der Werke; sind, metaphorisch gesprochen, ihre Klangsphären und erfordern vom Betrachter eine Einstimmung des Blicks, sozusagen ein Hören der Farben, um ihre Klangvaleurs wahrnehmen zu können. Die Freisetzung des Blicks von Figurativem ermöglicht seinen „inneren“ Blick und  wird dadurch auf sein je eigenes Sehen verwiesen: Was sehen ich, wenn ich scheinbar nichts sehe? Das Sehen als immaterieller Vorgang einer Weltwahrnehmung findet erst im „gegenstandslosen“ Bild seine genuine Sichtbarkeit. Die Trennung von Blick und Auge als zwei Sphären des Sehens, wie sie etwa Jacque Lacan skizziert hat, impliziert eine spezielle Subjektkonstituierung qua Wahrnehmung. Es ist kein Zufall, dass die Wahrnehmung von retinal nicht Sichtbarem mit den Erkenntnissen des Unbewussten von Freud, diese mit der Erfindung der Röntgenphotographie, der Relativitätstheorie von Einstein und dem Entstehen „abstrakter“ Kunstformen zeitlich korreliert. Das Jahrhundertcredo von Paul Klee – „Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar“ – öffnet das Bild für eine neue Form der Imagination jenseits einer ikonischen Welterfahrung. Es geht um nichts geringeres als um eine neue Ästhetik, evoziert durch die Loslösung der Farbe von ihrem Gegenstand, also durch ihre Autonomisierung im künstlerischen Bildprozess. Das Licht wird dabei zu einem neuen Bild-Gen: Nicht mehr von außerhalb kommend, ist es nun ein „intrinsisches“ Bildphänomen.

Auch die neuen Arbeiten von Harald Gangl „erzählen“ uns von diesem Bildparadigma: Dass das Sehen mehr ist als ein ikonisches oder psychologisierendes Wahrnehmen der retinalen Welt. „Selbstseher“ betitelt Egon Schiele ein Werk – und geht es nicht auch darum, sich selbst sehen zu sehen? Die Absenz einer Außenwelt darf nicht als deren Verweigerung gesehen werden, sondern als deren „informelle“ Erweiterung beziehungsweise als Extensivierung des Lebens und als Weg aus dem ikonographischen Dschungel ins Freie der Bilderwelten.

Mag. Carl Aigner, ATMOSPHERES, 2019
siehe dazu auch: www.haraldgangl.com
Ansicht Art.Fair Köln 2012 © Boris Breuer

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