gemeinsam üben (ich bin in der überzahlt)

anselm glück
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Galerie Frey Salzburg

Über DIE Ausstellung

Innen und Aussen, Hinten und Vorne, Gemeinsam und Einsam

Was sich so alles auf einem Bild tummelt hat oftmals gar nichts miteinander zu tun. Jede Figur ist für sich allein, hat nichts – oder scheinbar nichts – mit den anderen Figuren auf der Leinwand gemein. Sie begegnen sich nie wirklich, gehören aber doch auch irgendwie zusammen. Sind sie der „weltsamen“, den der Künstler meint? Jenes Geheimnis, das er zu ergründen sucht, nach dem aus dem Weltsamen, aus jedem einzelnen Samenkorn, ein Ganzes, ein Großes wird? Denn der Weltsamen entsteht in jedem Bild im Malen neu. Sozusagen von selbst und von allein. Fast ohne Zutun des Malers, der scheinbar ja nur den Pinsel hält. Der aber folgt nicht einem intellektuellen Wunsch, oder gar einem vorgedachten Programm, sondern seinen eigenen Gesetzen. Der Pinsel in der Hand weiß genau wohin er seine Farbe setzen muss, seine Geschichte erzählen, sein Anliegen mitteilen. „das bild kommt zu mir“, sagt anselm glück. Vielleicht ist es gut zu wissen, dass das Bild, das wir zu sehen bekommen, eigentlich von Anfang an bereits gemalt ist, die Geschichte – sollte es eine geben – bereits erzählt. Denn das farbige Gekritzel auf der grundierten Leinwand wird mit dickem Pinsel und weißer Farbe übermalt. Es sollen nur Anklänge bleiben, Farbeindrücke, Erinnerungen, Reminiszenzen. Oder anders gesagt, dieser Untergrund soll Hintergrund werden, versteckt hinter dem Schleier von weißer Farbe. Aber auch wieder nicht ganz, denn der Hintergrund blitzt manchmal durch, obwohl man ihn mehr ahnen als erkennen kann. Der Betrachter soll schon sehen, dass es da ein Hinten und ein Vorne gibt, dass es um Hintergründiges geht.

Ist das Verstecken die eigentliche Geschichte? Will der Künstler sich nicht ganz offen äußern, oder gar verhindern, dass erkennbare Verbindungen zwischen den Figuren entstehen? Geheimnisvoll, aber auch mit Heiterkeit überlässt anselm glück seinen Figuren die Leinwand und neben all dem Verstecken hinter Schleiern gibt es dann doch einen Titel: „sabinerinnen“ beispielsweise, oder „potemkin und katharina II“. Öfter allerdings gehören auch die Titel zu dem Versteckspiel, wie in der Serie „wir immer ersten siedler auf unserer herbergsuche durchs universum“, oder „gemeinsam üben“. Was dürfen wir darunter verstehen? Oder sollen wir gar nichts verstehen? Ist der Titel einfach nur eine poetische Zugabe zum gemalten Bild? Was ja auch dem Künstler entsprechen würde, ist er doch nicht nur Maler sondern auch Dichter und hat mindestens so viele Texte geschrieben wie Bilder gemalt. Gibt es hier also einen Übergang vom einem zum anderen Milieu, vom einen zum anderen künstlerischen Ausdruck? Zu seinen geschriebenen und gemalten Geschichten? „stimmt nicht“, sagt anselm glück, er erzähle keine Geschichten und das Schreiben sei eben das Schreiben und habe mit den Bildern nichts zu tun. Beides aber entsteht wiederum durchaus aus denselben künstlerischen Quellen: „der umgang zwischen malen und schreiben ist doch nahezu identisch, da ist es ein nest, dort ein satz, aus dem heraus sich bild oder text entwickeln“, gibt er zu. „das universum spiegelt sich nach und nach in uns und wir spiegeln uns im universum“, schreibt anselm glück, und er überlässt es dem Leser oder dem Betrachter sich in diesen Prozess hinein zu spiegeln, hinein zu denken. Bleiben wir bei den Bildern. Ungewollt, unbewusst, ohne Plan, ohne Konzept, wird Farbe auf Farbe gesetzt, Grün, Rot, Gelb, Blau. Die Farbigkeit entsteht aus der Stimmung, aus dem Zufälligen, im Sinn von Zu-fallen. Eine gewisse Trance entsteht, ein Taumel, wie anselm glück sagt. Und wenn der Betrachter, ich zum Beispiel, auch noch so gerne eine Geschichte erkennen möchte – anselm glück will keine Geschichten erzählen. Auch keinen Traum? Er antwortet nicht darauf. Er meint, dass es lediglich darauf ankommt in manchen dichten Stellen des Hintergrundes eine Form zu erkennen, die es ihm ermöglicht im Fluss des Malens zu bleiben, von dem aus er weitermalen kann. Kein willentlicher Akt, kein inhaltlicher Gedanke darf das Spontane, aber hoch komplexe Tun stören. Es ist wichtig, dass Ruhe einkehrt, dass der Blick sich klärt und alles Störende verschwindet. Stille ist dazu notwendig und tiefe Konzentration, ja, Meditation.

Aber, sagt er auch, er habe es gerne, wenn die Betrachter seiner Bilder ihre eigenen Geschichten entdecken und nicht darauf warten, dass er sie ihnen erzählt. Denn er erzähle eben keine Geschichten sondern male nur eben so. Und dieses „eben nur so“ fängt, wie gesagt, damit an, dass er auf die weiße Leinwand Farbe spritzt und streicht, bis eine immer größere entstanden ist, das einmal dichter einmal lockerer ist, bis er schließlich jene Nester sieht, die ihm für eine weitere Bearbeitung gefallen. Jetzt kommt die weiße Farbe, lasierend aufgetragen und er lässt die Nester frei. So entsteht das Bild, so entwickeln sich die Figuren, die er stehen lässt, die sich in Beziehung setzen, sich begegnen und trennen, sich dabei aber nie berühren, sie schweben, spazieren im Bild herum, haben Gesichter, oder auch keine, scheinen heiter oder ernst. Viele von Körper, wie wenn sie aus Wolken oder aus imaginären Fenstern blicken würden. Es ist eine unbeschwerte, sinnliche Welt, die sich da auf kleinen oder auch großen Leinwänden ihrem spielerischen, aber einsamen Tun hingibt.

Es sind zwar oft viele Figuren, kleine und große, auf dem Bild, und dennoch ist jede Figur alleine – vielleicht ist sie aber nur auf dem Weg zur anderen? Wir werden es nicht erfahren, aber wir können – dürfen – ja, müssen – unsere eigenen Bilder müssen seinem Rhythmus folgen, der Bewegung seiner Figuren, die, so statisch sie sind, doch alle unterwegs zu sein scheinen – irgendwohin, wo sie vielleicht nie ankommen werden, oder kommen sie doch an? Dort vielleicht, wo sie die geistige geht es ihm nicht um eine wie immer geartete Harmonie des Bildes oder gar um eine Gefälligkeit des Ausdrucks, denn „das bild macht was es will“ weiß er, und lässt keine Erklärung zu, sondern nur diese totale Hingabe an das Malen und Zeichnen. Das ist der „weltsamen“, der in jedem Bild ist, ohne dass anselm glück etwas dazu tut, wie er meint, denn „das Bild kommt zu ihm“. Auf jeder Leinwand entsteht aufs Neue aus dem Samen ein Gebilde, reift ein Gedanke und wird zum Bild.

Den „Weltsamen“ versteht er als den Ausgangspunkt für das Leben überhaupt. Für das Leben selbst aber, weiss er um die Bedeutung von „wir 3“, und dieser Gedanke versteht sich als eine bewusst – unbewusste Dreiheit, die, neben dem Samen, seinem Schaffen zugrunde liegt. Soll dieser das Werk zum Blühen bringen, so soll jenes dem Werk Inhalt und Tiefe verschaffen. „wir 3“ mag für die stete Sehnsucht nach dem Du stehen (auch das Werk ist ein Du!), deren Erfüllung so oft der Realität nicht standhält und die Einsamkeit noch tiefer erleben lässt. Die aber, in ihrem Wandel von Freiheit und Gebundenheit, von Schmerz und Freude und, wohl verstanden, Erkenntnis bedeutet, und damit zur Überwindung des Leides, zu Lebens- und Schaffenskraft führt. Natürlich geht es bei „wir 3“ um die eigene Person, mit all den unterschiedlichen Anforderungen, zum einen, wie das Leben mit seinen Aufgaben und Mühen bewältigt werden kann (und muss), also um das Pragmatische, zum anderen aber geht es um das Objekt der Kunst, um das Malen und Schreiben, und zum Dritten muss anselm glück sich schliesslich dem Betrachten widmen. Nicht nur dem Betrachten der Bilder anderer Künstler – er ist immer umringt von Kunstbüchern, Zur Anregung? Überprüfung des eigenen Tuns? Oder einfach weil ihn die Schönheit der Kunst, eines Renaissancemalers beispielsweise, fasziniert? anselm glück muss auch seine eigenen Bilder betrachten, streng, kritisch, neugierig, liebevoll. Denn auch der Künstler wird zum Betrachter, der nach dem meditativen Tun erst sein Werk erkennt, weil es aus dem unbewussten und unmittelbaren Schaffensprozess entlassen ist. Das ist der Moment, wo der Gedanke und die Idee im Bild manifest geworden sind und das Bild ein Eigenes ist. Getrennt von der Konzentration und dem Taumel des schöpferischen Aktes, muss es sich nun behaupten, allein, als Bild, als Text. Jetzt ist das Objekt fertig, denn jetzt trennen sich der Maler und das Bild, obwohl sie auch wiederum zu dem Einen geworden sind, das er als seine Kunst, aber auch als sein Leben erkennt. Ohne Worte, ohne Erklärung. Dann erst ist das Bild fertig, wenn er mit seinen Figuren zufrieden ist, wenn er das Bild lange angesehen hat, sieht, dass es gut geworden ist, und es nun seinem inneren Blick standhält.
Angelica Bäumer

über den Künstler

„anselm glück nennt sich und verwandte Seelen gelegentlich Agenten. Er empfindet sich also als jemand, der im Auftrag einer fremden Macht für eine meist komplizierte Angelegenheit unterwegs ist. Agenten führen verdeckte Aktionen durch, täuschen, bluffen, spielen mit dem Feuer, haben tausend Gesichter und hundert Nationalitäten. Sie müssen „Alleskönner” sein und im Falle der Gefangennahme glaubwürdige „Nichts-wisser”. Zu ihrer Grundausbildung zählen das Erlernen von Geheimschriften ebenso wie Kampfarten der wirksameren Natur.

Der mittelgroße, schmächtige anselm glück mit dem schönen Gesicht, das an den grenzgängerischen Zauberer Artaud erinnert, ist die ideale Besetzung für eine solche Figur, die man stets nur als Spitze eines Eisberges wahrnimmt. Nichts an ihm verrät die eigentliche Abenteuerexistenz, außer sein Blick, der stets souverän das Gegenüber und die Umgebung im Griff hält. glück ist ein Augenereignis im mehrfachen Sinn dieses Begriffs und ich muss zugeben, dass er und seine Kunsttaten mich seit unserer ersten Begegnung faszinieren. Herrn anselm geht es selten gut. Er hat wie die meisten fähigen Agenten keinen Pakt mit dem Frohsein. Und doch ist er in den raren hellen Stunden willens, einen verflixten Kerl abzugeben. Dann verteilt er an seine Zuhörer großzügig Witz und Aberwitz, lässt sie nobel im Unklaren über das Ausmaß der gnadenlosen Präzision seiner Charakteranalysen in Bezug auf sich und andere, erweist sich als der wahrscheinlich einzige in Wien ansässige Mensch, der in den vergangen 10 Jahren jede Nummer des New Yorker gelesen hat, gönnt sich Kaschmirsakkos und die Nähe flirrender Damen. In solchen Augenblicken erhebt er sich, streckt sich, dehnt sich in ein wunderbares Lachen, um wenig später wieder in sich zusammenzustürzen und nichts mehr ertragen zu können (oder zu dürfen) als tagelanges U-Bahn-Fahren von Ziellosigkeit zu Ziellosigkeit.

anselm glück ist zweifellos ein Sonderfall und der scheinbaren Freundlichkeit seiner Gemälde sollte man nicht auf den Leim gehen. Es sind doppel- und dreifachbödige Werke von hohem Rang, Überlagerungen von Dramen und Tragikkomödien. Nicht weniger sind sie codierte Botschaften und Planzeichnungen eines Meisteragenten, dessen Auftrag ich zwar dank der unverzeihlichen Indiskretion eines V-Mannes seit längerem kenne, aber mich in diesem Text nicht der gleichen Sünde des Aufdeckens schuldig machen will."

(André Heller über anselm glück, Paris am 25.02.2002)

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