Vermessung

Bernard Ammerer
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Galerie Frey Wien

Über DIE Ausstellung

Einige Gedanken zu Landschaft und Illusion angesichts der Gemälde von Bernard Ammerer

Als mir Bernard Ammerer vor einigen Wochen einen ganzen Rutsch Abbildungen der in den letzten zwei Jahren entstandenen Gemälde schickte, glaubte ich zuerst, all dies in irgendeiner Form bei ihm schon mal gesehen zu haben. Und in der Tat, einiges kommt uns bekannt vor und dennoch ist es fremdartig. Irgendwie anders. Ich schaute die früheren Kataloge durch und stellte fest, dass es eine Form von Verdichtung gegeben und andererseits eine Rückeroberung der Bildfläche stattgefunden hat. Natürlich gibt es immer noch diese leeren Flächen, die zu einer Art Markenzeichen des Künstlers geworden sind. Diese unglaublichen weissen Flächen, die mit dem, was wir unter Landschaft verstehen, nicht so recht harmonieren wollen und gerade durch ihre Fremdartigkeit die Weite des Raumes, die Spannkraft einer Lan dschaft neu definieren.

Die neuen Gemälde sind nun anders. Dichter. Geschlossener. Landschaftlicher. Zumindest scheinen sie so. Wären da nicht diese in Weiss konturierten Auswüchse, diese zarten Liniengefüge im Himmel, diese phantomhaften Gestalten, man könnte beinah glauben, die kreative Sommerfrische in Kärnten hätte vollends aus dem einst kritischen Beobachter einen Maler der leichten Muße gemacht. Doch als Maler erblickt Bernard Ammerer nicht nur die Erscheinungen der Natur, die sich ihm in Form von Bergen und Tälern, Lichtungen und Wäldern, Seen und Himmeln darbieten, sondern er stellt Zusam- menhänge zu dem her, was er bisher bereits gesehen, reflektiert und in Form von Gemälden geschaffen hat.

Jede Landschaft besteht aus Elementen der Natur und Elementen der Kultur. Oftmals findet sich in den Gemälden von Bernard Ammerer beides. Doch zu seinen Landschaften – und dies ist das Besonderen an ihnen – gehört Sichtbares wie auch Unsichtbares. Die Landschaften Ammerers sind immer auch Metaphern und Stimmungen, die angeregt werden und den Betrachter anregen über das Gesehene zu reflektieren. In der reflektierenden Inter- pretation lassen sich gedankliche Verbindungen zwischen den einzelnen Fragmenten wie Gitter, Leere, Konturen, Schrift und der gemalten Natur her- stellen. Bernard Ammerer fordert uns auf, die Elemente der Natur und Kultur in einer Art gemeinsamen Zusammenschau zu sehen, dies zu empfinden und in seinen Einzelheiten zu erkennen. Dies geschieht subjektiv und obwohl mehrere Betrachter vor derselben Landschaft stehen und auf dieselben Elemente schauen, sind ihre Empfindungen höchst unterschied lich. Wenn wir Landschaft sehen, dann interpretieren wir sie aus dem Bewusstsein des bereits subjektiv Empfundenen und Erfahrenen.

Die Landschaften von Bernard Ammerer jedoch – und dies ist das zweite Besondere an ihnen – halten eine grosse Portion Unsicherheit für uns bereit, denn sie konfrontieren uns mit einem Landschaftsbild, welches sich nicht mit dem Landschaftbild vergleichen lässt, welches wir erinnern. In gewisser Weise folgt der Künstler den in den Confessiones des Augustinus gemachten Beobachtungen: “Und es gehen die Menschen, zu bestaunen die Gipfel der Berge und die ungeheuren Fluten des Meeres und die weit dahinfließenden Ströme und den Saum des Ozeans und die Kreisbahnen der Gestirne, und haben nicht acht ihrer selbst.” Augustinus mahnt uns – und dies macht ihn in gewisser Weise zeitlos – nicht nur das Oberflächliche, das Augenscheinli- che (der durch Gott geschaffenen Ordnung) der Natur zu betrachten, sondern angesichts der Landschaft eine tiefere Erkenntnis anzustreben. Indem wir nun begreifen, dass das Erkennen der Zusammenhänge einer Landschaft mit ihren sichtbaren und unsichtbaren Manifestationen in ihrer Gänze von uns nie vollends verstanden werden, sondern nur fragmentarisch wahrgenommen werden kann, sollten wir angesichts der Kürze unseres Daseins vielleicht akzeptieren, dass wir selbst die Schattenbilder, die Illusionen sind, die sich in der Landschaft abbilden. Insofern könnte man auch sagen, dass sich in den Gemälden Bernard Ammerers der zentrale Gedanken der platonischen Philosophie wiederfindet und die abgebildeten Phantome, Liniengitter und vegetabilen Auswüchse den Schatten im Höhlengleichnis vergleichbar sind.

Harald Kraemer 2019

über den Künstler

Würde Bernard Ammerer einen Slogan für seine Malerei wählen, wäre dies wohl etwas wie „Die Landschaft kehrt zurück“ – dabei ist das Motiv Landschaft in Varianten in seinen Arbeiten schon länger vertreten. Der Maler verbindet Landschaft mit Stadträumen, die am Horizont erscheinen oder mit Autobahnen, die sein Lieblingsthema zu sein scheinen. Die Figur geht im Oeuvre des 1978 geborenen Künstlers aber nicht verloren. Sie spielt eine tragende Rolle, denn mit ihr kommt die gewünschte Dynamik. Bewegung durchfließt die Leinwandbilder. Die Personen verbreiten aber keine Unruhe, sondern signalisieren Spaß und Freude. Innovativ zeigt sich der junge Künstler mit unter durch die Verwendung des Materials Klebestreifen. Und zwar direkt auf die Leinwand geklebt. Durch den Effekt verändert sich die Struktur im Bild – und genau darauf zielt Bernard Ammerer, Preisträger des STRABAG Kunstpreises 2007, ab.

PRESSESTIMMEN

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