Wien 07.05.2012 - 10.07.2012

Richard Jordan

 

von Gabriela Koschatzky-Elias

 

Ein vollständiges Erfassen kann es nicht geben, denn bei den Bildern handelt es sich um Gebilde aus Farben, die den Betrachter atmosphärisch einbinden und gleichzeitig von dessen Stimmung erfasst werden.“i Dieser Satz von Markus Lüpertz drückt für mich viel von dem Besonderen der Arbeiten des in Berlin lebenden Amerikaners Richard Jordan aus.

 

Der 1957 in Columbus (Ohio) geborene Künstler ist wie Willem de Kooning und Jackson Pollock ein Vertreter der New York School, für die der Kunstkritiker Robert Coates den Begriff des Abstrakten Expressionismus prägte.

 

Noch vor wenigen Jahren zeigten Jordans Arbeiten starke Anklänge an das eigentlich 1942 von Max Ernst erfundene, aber erst durch Jackson Pollock bekannt gewordene drip painting. In der letzten Zeit geht er vom gestisch abstrakten zu einem weiterentwickelten colourfield painting über, wobei er aber keine klar organisierten Farbräume wie z. B. Mark Rothko zeigt, sondern aus Streifen und Balken faszinierende Farblandschaften webt, die eine ruhige und meditativ anmutende Wirkung entfalten. Er setzt seine Farbflächen nicht massiv und blockartig, sondern fließend, schwebend, dynamisch und flüchtig.

Insgesamt sind seine Arbeiten monochromer geworden, ruhiger, licht und intensiv.

 

Farbe und Struktur sind die bestimmenden Elemente in Jordans Bildern, wobei er sehr bewusst die unbunte Farbe Weiß einsetzt. Durch die meist ausgesprochen pastose Pinselführung entsteht eine ungeheure Tiefe und Plastizität.

In den meisten Bildern dieser Ausstellung dominiert die Horizontale als primäres Gestaltungsmittel, sie steht für Weite und Offenheit, vermittelt eine positive, optimistische Stimmung, die durch die helle Farbgebung noch verstärkt wird.

 

Jordans Bilder entfalten als spontane und unmittelbare Entäußerung des Unbewussten eine starke, fast hypnotische Wirkung, Um das zu erfahren, erfordert es Konzentration, Zeit und Sich-darauf-Einlassen, denn wer sie nur im Vorübergehen konsumiert wird ihre Schönheit und Qualität nicht wirklich erkennen.

Aber wie soll man überhaupt sein Sensorium noch auf die Kunst einstellen. Was kann solche Begegnung überhaupt noch zustande bringen, erfasst uns nicht eher schon eine psychische Reizermüdung vor Bildern, die unsere durch immer perfektere Kommunikationsmedien ohnehin in höchstem Maß beanspruchten Augen schließt, statt sie zu öffnen?

Wir müssen wieder sehen lernen, müssen bewusst, wie es der deutsch-amerikanische Psychologe Rudolf Arnheim genannt hatte, das schöpferische Auge - „the creative eye“ ist auch der Titel seines Buch zur Kunstpsychologie - wieder in Funktion bringen und damit auch der Kunst zu begegnen suchen. Es geht also um ein aktiv suchendes Wollen von Seiten des Betrachters.

Ich selbst glaube unverbrüchlich daran, dass der Bildkunst nach wie vor, ja mehr denn je, ihre Aufgabe zukommt, den Menschen beizustehen, durch das Augenerlebnis ihre eigene, ganz individuelle Persönlichkeit zum Ganzen hin zu verdichten. Zum Ganzen von kognitiver, verstandesbewußter Anlage mit dem Ergebnis Wissen auf der einen, und emotiver, nicht rationaler Erlebniswahrnehmung mit dem Ergebnis Empfindungsfähigkeit auf der anderen Seite. Erst da formt sich jene Humanitas, die den Menschen auch als zoón politikón formt, und so wird und bleibt Bildkunst ein unentbehrliches Element des Menschseins; in seiner Würde, seinem sozialen Bewusstsein, seinem geistigen Rang. (Walter Koschatzky)“ii

i „Der Kunst die Regeln geben“, 2005

 

ii Geleitwort zu „Metamorphosen“, 2002