Wien 14.11.2015 - 09.01.2016

Naturzeichnungen im Raum


Über die rohe Schönheit der Holzskulpturen von Herbert Golser


Es ist nicht die Aufgabe der Kunst,
die Natur zu kopieren, sondern sie auszudrücken.

Honoré de Balza


Naturbelassenes, hartes Holz, wundersam geschwungene Schnitte, Falten und Strukturen, eine klare, ungekünstelte Formensprache: Betritt man die geräumige Werkhalle in Niederösterreich, in der Herbert Golser seine mannigfaltigen Skulpturen lagert, stellt man sich als Betrachter unweigerlich die Frage: Was hat hier der Künstler, was die Natur erschaffen?

 

Herbert Golser ist ein Bildhauer, der sich der Natur sehr verbunden fühlt, er lebt mit ihr, lässt sich von ihr inspirieren. Das Holz ist für ihn weit mehr als nur ein Werkstoff, mehr als ein beliebiges Material im Dienste einer künstlerischen Idee. Golser findet seine Hölzer auf Spaziergängen und Wanderungen. Entdeckt er einen für ihn reizvollen Baumstamm, erkundigt er sich nach dessen Besitzer und versucht ihn zu erwerben. Selbst Holz schlägern möchte er aber nicht. Die Findlinge sind meist Laubbäume, eher harte Hölzer wie Buche, Birke oder Kirsche. Neben Holz arbeitet Golser, der viele Kunstprojekte im öffentlichen (Natur)Raum umsetzt, auch immer wieder mit Stein und Metall.

 

Die Entwicklung der Skulptur ist im vergangenen Jahrhundert vor allem durch die Erweiterung der verwendeten Medien und ihre Ablösung vom mensch- lichen Körper gekennzeichnet. War die Skulptur Jahrhunderte lang Abbild der Anatomie des Menschen, so wendet sie sich am Beginn des 20. Jahrhunderts vom Prinzip des Figuralen ab. In dieser Zeit beginnt einerseits der Prozess der Abstraktion, eine Vertreibung und Zertrümmerung der Gegenstandwelt in abstrakte Malerei und Skulptur, andererseits ein nie da gewesener Einzug gerade dieser Gegenstandwelt in die Kunst und eine Vergegenständlichung der Skulptur – man denke hier nur an die „Readymades“ (gewöhnliche Objekte und industriell gefertigte Gebrauchsgegenstände werden in die Kunst übergeführt und zu Skulpturen erklärt). Besonders ab den 1960er Jahren wurde der Skulpturenbegriff um Materialen und Techniken entscheidend erweitert, gegenüber den neuen Medien und der Performance geöffnet sowie durch Konzeptkunst, Minimal Art oder Arte Povera mit neuem Blick gesehen. Neben all den neuen, experimentell eingesetzten Arbeitsmitteln und Ausdrucksformen finden sich aber nach wie vor die „klassischen“ Materialien wie Bronze, Marmor oder Holz – oft aber verbunden mit überraschenden Themensetzungen und Arbeitsmethoden.

 

Im Material klassisch ist Herbert Golser in der Umsetzung seiner bildhauerischen Arbeit außergewöhnlich und im wahrsten Sinne des Wortes unkonventionell. Der gelernte Elektromaschinenbauer verwendet zum Zuschneiden nicht traditionelle Hilfsmittel wie Holzmeißel und Schnitzeisen sondern präzise, von ihm selbst für die Arbeit adaptierte Sägemaschinen, die viel Erfahrung und handwerkliches Geschick voraussetzen. Mit ihnen fräst er feine oder auch grobe Schnitte und Rasterungen in das Holz, öffnet dieses nach Innen und erweitert gekonnt die Oberflächenstruktur. Doch obwohl die Eingriffe meist hart und massiv sind, als Betrachter hat man nie den Eindruck, dass der Künstler grob oder verletzend agiert und dem Werkstoff eine Form aufdrängt.

 

Günther Oberhollenzer

Kurator, Essl Museum