Salzburg 15.11.2012 - 08.01.2013

von Mag.a Lucia Täubler

 

Bildnis oder Porträt (franz. portrait [porträ'], von lat. protrahere »hervorziehen«), früher auch Konterfei (lat. contrafacere »nachmachen«), bez. im Unterschied zum Bild schlechthin die abbildende, gestaltende und deutende Darstellung eines bestimmten Menschen in seiner anschaul. Erscheinung, d.h. in dem den Sinnen direkt faßbaren Ausdruck seiner sozialen und geistigen Wesenheit.“

[Lexikon der Kunst: Bildnis, S. 1. Digitale Bibliothek Band 43: Lexikon der Kunst, S. 3723 (vgl. LdK Bd. 1, S. 558) (c) E. A. Seemann]

 

Der auratische Blick


Jeder Mensch findet sich in ihnen wieder, erkennt eine wünschenswerte Eigenschaft, ein langjährig gehegter Wunschtraum äußert sich durch einfaches Betrachten. Schlichte Faszination umgibt die Porträts von Harding Meyer. Die Faszination daran kann mit dem Begriff Aura besetzt werden, der griechischen Mythologie entstammend. Aura beschreibt eine energetisch-charakterisierende Ausstrahlung, die einen (menschlichen) Körper umgibt. Diesen Terminus greifen Philosophen und Kulturwissenschaftler wie z.B. Walter Benjamin im 20. Jahrhundert auf und verbinden die Bildende Kunst mit dem technischen Fortschritt. Die Aura eines Kunstwerks steht für das Original also für die Echtheit, und für Authentizität, die anbetungswürdig ist. Benjamin splittet Aura in sakralen und Ausstellungswert auf, der auf Grund der musealen Präsentation quasi-sakral auf die Menschen wirkt. „Dem Blick wohnt aber die Erwartung inne, von dem erwidert zu werden, dem er sich schenkt (...) Die Aura einer Erscheinung erfahren, heißt sie mit dem Vermögen belehnen, den Blick aufzuschlagen.“, schreibt Benjamin im Bezug auf die Erwiderung des Blicks als soziale Erfahrung. Der Betrachter selbst ist nun befähigt einem Kunstwerk durch reines Betrachten Leben ein zu hauchen, wodurch Aura entsteht. „(...) der Blick wird erwidert.“ – zwischen Werk und Betrachtung spannt sich ein Spektrum an menschlicher Erfahrung auf, das in den Porträts und Fotografien von Harding Meyer spürbar wird.

 

Dass diese Porträts auf Fotos aus Hochglanzmagazinen, Fernsehen und Werbung zurückgehen, liegt nahe. Der Wunsch, die makelloseste Abbildung in den Fokus zu nehmen und Schicht für Schicht zu bearbeiten, neu zu gestalten und teilweise auch destruktiv zu arbeiten, scheint mit der Aura des Kunstwerks zu spielen. Die Reproduktion der Reproduktion wäre eine plausible Schlussfolgerung dieses Phänomen zu erklären, aber Meyer modifiziert die nicht-klassischen Porträts verschiedenster Typen, vorwiegend junger Frauen und Männer. Manche Gesichter verschwimmen, werden unscharf. Andere erleiden durch gekonnte Verzerrungen eine Verletzung und verlieren dadurch ihre Makellosigkeit, werden angreifbar und menschlich. Nicht-klassisch deshalb, weil der Künstler dem Hochformat entsagt, das der Form des Kopfes an sich entsprechen würde. Auch übernimmt er den strukturellen Aufbau der Porträts von der Kinoleinwand: große Nahaufnahmen in Übergröße schauen uns an.

 

 

Der direkte Blick, mit dem Meyer arbeitet, spricht die Betrachter unausweichlich an: „Schau her, schau mich an!“ Und so liegt es am Betrachter die Gesichtszüge des Porträts zu studieren, Schicht für Schicht zu „entkleiden“, obwohl er sich umgekehrt beobachtet fühlt. Verdrehter Voyeurismus – denn dem Betrachter bleibt nichts anderes übrig, als den direkten, provokativ-anmutenden Blick zu erwidern. Schichtweise appliziert Harding Meyer die jugendlichen Gesichter vor meist einfarbigen Hintergrund, auf dem das Auftragen und Abnehmen der Farben gut sichtbar ist.

Vor allem die konkreten Malschichten – eine Arbeitsweise, die prozesshaft passiert – geben Auskunft über die Entwicklung der Persönlichkeit auf der Leinwand. Auch der Maler selbst betrachtet seine gemalten Gesichter über eine längere Zeitperiode, in der er die adoptierten Bildvorlagen leicht verändert; in Ausdruck und Form. Er haucht ihnen sozusagen neu-typisiertes Leben ein. Denn indirekt behandelt der Künstler nicht konkrete Personen, sondern arbeitet mit Anonymität und Stereotypen, die jedem von uns entsprechen können. Ein Porträt das uns entspricht, aber nicht wir sind. We are alike. Der Titel der Ausstellung macht auf die Ähnlichkeit unserer Typen aufmerksam, und stellt das westliche Streben nach Individualität subtil an den Pranger. Tatsächlich unterstreicht die abstrakte Spiegelsituation für den Betrachter die produzierte Intimität, die durch Nähe suggeriert wird.

 

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Mit der Serie features ist der Versuch entstanden aus dem großen Fundus an gesammelten Gesichtern neue skulpturale Fotografien anzufertigen. Harding Meyer greift auf sein Archiv zurück und präsentiert es neu zusammengestellt, collageartig auf Styroporköpfen. Die filigranen, dreidimensionalen Skulpturen, denen Mund, Nase, Augen und sonstige Teile des Gesichts angepinnt werden, bestehen aber nur kurzzeitig und sind somit vergänglich – eine Anspielung auf den gegenwärtigen Schönheits- und Jugendwahn unserer Gesellschaft? Die „vanitas“ – Symbolik greifbar gemacht, archiviert Harding Meyer seine Köpfe mit Hilfe dem aktuellsten Gadget der heutigen Zeit: dem iPhone. Gerahmt und hinter Glas bewirken die oft willkürlich zusammengestellten Collagen – 60 x 60 cm groß - das, worauf Harding Meyer hinaus will: Fokus auf features, also auf besondere Merkmale, die in den Vordergrund rücken. In diesem Fall besteht das Gesicht plötzlich nur mehr aus diesen Besonderheiten, wie der große rote Kussmund zeigt, oder die Stupsnase, die stark geschminkten Augen und ab und zu springt dem Betrachter ein verletztes oder lädiertes feature entgegen. Während die Dreidimensionalität verloren geht, gehen die zurechtgeschnittenen Bildchen wieder dorthin zurück, woher sie kommen, nämlich in die Welt der Hochglanzmagazine, die sie einst makellos schön erscheinen ließen. Mit der scheinbaren Schönheit bricht der Künstler aber, lässt mit den grotesk-skurrilen Gesichtsarchiven sogar Neuinterpretationen offen. Vielleicht spielt Harding Meyer dabei auch mit der auratischen Ebene eines Kunstwerks. Denn wie in seinen gemalten Porträts entstehen die skulpturalen Fotografien aus Abbildungen, aus Reproduktionen. Diesmal geht der Künstler aber einen Schritt weiter und bedient sich abermals der fotografischen Reproduktion. Er überlagert die Fotografien zusätzlich mit einer farbigen Ebene, die die Gesichter noch weiter in die Distanz rückt, aber gleichzeitig zum Produkt unserer Zeit macht. Artifiziell gestaltet, suggerieren selbst die kleinen Stecknadeln, die für den Halt essentiell sind, den Blick auf große Fragen der Menschheit nicht zu verlieren: worauf lassen wir Menschen uns festlegen oder fest“stecken“? Bestehen wir wirklich nur aus dem einen Gesicht oder sind wir ebensolche Collagen aus den Archiven unseres Lebens? Wahrscheinlich besteht auch darin der Funke Wahrheit, dass physische sowie psychische Ähnlichkeit zwischenmenschlich besteht: likeness.

 

Look-a-likes

Das zentrale Anliegen von Harding Meyer, wenn er Gesichter neu-erfindet, scheint die menschlich-emotionale Perspektive zu sein. In Gegenüberstellung entdecken Betrachter oft Teile der fotografischen Serie in den gemalten Porträts und umgekehrt. Trotz der großen Unterschiede gehen die beiden Serien aufeinander ein. Harding Meyer entdeckt im klassischen Sujet Porträt eine neue – mediale – Dimension, die in die Zukunft weist. Gleichzeitig betrachtet er die (Selbst-)Darstellung der Generation X mit satirisch-anmutenden Mitteln, lässt aber nach wie vor Platz zum Interpretieren. In unterschiedlichen Größen zeigt Harding Meyer ein Spektrum an Möglichkeiten Gesichter von kindlich bis erwachsen darzustellen. Sein vielschichtiges Werk nimmt auf Traditionen Bezug, kritisiert Gegenwärtiges und spielt mit dem Blick des Betrachters.

(Mag.a Lucia Täubler)

 

Literaturhinweise:

Walter Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter der Reproduzierbarkeit, 1935.

Walter Benjamin, Über einige Motive bei Baudelaire, 1939.