Wien 18.09.2012 - 18.11.2012

DIE ENTFREMDUNG DES BEKANNTEN

Ein vorausschauender Rückblick auf Tom Fleischhauers Schaffenszeit

 

Wien. Berlin. Rom. New York. Die Menschen wechseln Orte. Sie liebt dort, er da und gemeinsam reisen sie woanders hin. Trotz des immer rasanter werdenden Stroms der Gegenwart verändert Orte die Menschen. Umgekehrt, verändern Menschen Orte. Tom Fleischhauer, im Jahr 2011 verstorben, weiß die kurzen Momente des Vorübergehens, des Betretens, Verweilens und Verlassens eines Ortes prägnant festzuhalten. In der Flüchtigkeit der Realität findet der Berliner Maler Ruhe und erzeugt ein entschleunigtes Bild. Obwohl die Momenthaftigkeit niemals verloren geht, verzeichnen die gemalten Alltagsaufnahmen gewollten Stillstand, im Sinne von eingefrorener Zeit.

 

Tom Fleischhauer zeigt Menschen, die sich in urbanen Räumen bewegen - in großen Mengen schieben sie sich über den Zebrastreifen, sie joggen, lachen oder lesen. Die facettenreiche Palette des menschlichen Alltagslebens gibt dem Maler genügend Spielraum um meterhohe Leinwände zu füllen.

In "Crossing" (2011) sind nicht mehr die Menschen allein Hauptakteure, sondern auch ihre unmittelbare Umgebung spielt eine fundamentale Rolle. Besonders die mediale Flut einer Stadt wie New York steht im Mittelpunkt, die Menschen gelten als ihr untergeordnete Masse. Vieles in Fleischhauers künstlerischen Abbildungen sind tägliche Zwischenschritte, denen normalerweise keine oder nur sehr wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Damit verweist er auf die Vielfalt an Bewegungen, die der Mensch durchlebt und zieht so die Betrachter mit ins Bild. Sie erleben in den schwarz-weiß-grau bis bläulich gehaltenen Darstellungen das, was sie kennen und gut können: Alltägliches.

Immer wieder vergegenwärtigt er im Bild wozu eine Millisekunde des Lebens fähig ist und schafft damit ein großes Ganzes: die Gesamtheit einer Stadt. Rom, Berlin, New York und Wien werden als austauschbare Äquivalente eingesetzt und zielen dennoch auf Wiedererkennungswert ab, in dem Fleischhauer die Architektur sprechen lässt.

Zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit pendelnd, scheint er die vielen Möglichkeiten der Moderne zu reflektieren und über das Abstrakte neu zu erfinden. Wie in Pixel aufgelöst erscheinen die bis zu 2,60m hohen Bilder, bauen sich aber gleichzeitig zum Gegenstand zusammen. Das Ungreifbare wird bei Fleischhauer greifbar. Er selbst unterstreicht seine Technik in einem Interview: "Je genauer man hinsieht, desto fremder erscheint das Bekannte."

Der Künstler bedient sich nicht nur mit seinen schnappschussartigen Motiven der Fotografie, sondern seine Bilder erinnern an die vermeintlich altmodische Schwarzweißfotografie. Dabei greift er eine Tradition der Kunstgeschichte auf: Grisaille - die Malerei in Graunuancen. Wie eine Veredelung wirkt der monochrome Farbauftrag auf ie Betrachter und unterstützt das gewollt meditative Moment.

Experimente mit Farbe fehlen dennoch nicht. In der "blauen Phase" beschäftigt sich Fleischhauer vorwiegend mit Darstellungen von Wasser und Himmel. Die Natur schiebt sich in den Vordergrund und drängt den immer wieder eingreifenden Menschen zurück. Obwohl die "blauen" Werke die Leichtigkeit des Lebens - Urlaub, Spaß und Sport - vermitteln, unterliegen sie einer gewissen Melancholie, die Betrachter zum Nachdenken anregt.

Der Querschnitt durch das Oeuvre macht sichtbar, wie Fleischhauer mit dem Fluss der Bewegung arbeitet und die westliche Zivilisation in und um unterschiedliche Metropolen der Welt dynamisch erfasst. Er schlüpft nicht in die Rolle des Dokumentators, sondern wirkt eher wie ein aufmerksamer Flaneur, der Teil des Geschehens ist. Er zeigt, dass der konkrete Ort plötzlich unwichtig, austauschbar wird. Die Vergegenwärtigung dessen bildet erneut subjektive Projektionsflächen für Gedanken und Wünsche der Betrachter. Sie erfinden die Geschichten, die die Menschen in den Bildern erlebt haben oder noch erleben werden, und identifizieren sich mit ihnen.

 

Die Sehnsucht nach Orten wie sie in Tom Fleischhauers Werk wichtig sind, verleitet zum Inne halten und scheint Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft schlüssig verbinden.

(Lucia Täubler)